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Deutschland vs. Frankreich: Auf Crash-Kurs

exklusivDer Ton zwischen Frankreich und Deutschland wird rauer. Nachdem Paris harsche Kritik an der Europa-Politik der Bundesregierung äußerte, schießt Berlin nun zurück – mit harten Angriffen auf Hollandes Wirtschaftspolitik.

Die Wirtschaftspolitik von Frankreichs Präsident Francois Hollande stößt in Deutschland nicht gerade auf Begeisterung. Quelle: Reuters
Die Wirtschaftspolitik von Frankreichs Präsident Francois Hollande stößt in Deutschland nicht gerade auf Begeisterung. Quelle: Reuters

BerlinDen deutsch-französischen Beziehungen droht eine neue schwere Belastungsprobe. Und das, obwohl sich nach der harschen Kritik der französischen Sozialisten an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Regierungen in Paris und Berlin um Schadensbegrenzung bemüht hatten. Öl ins Feuer gießen nun Merkels Vize, Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler und FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

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Beide stellten Frankreich ein verheerendes wirtschaftspolitisches Zeugnis aus und kritisierten die Wirtschafts- und Industriepolitik des Nachbarlandes in ungewohnt heftiger Weise. In einem dem Handelsblatt vorliegenden internen Vermerk listet das Bundeswirtschaftsministerium ein wirtschafts- und finanzpolitisches Sündenregister des Landes auf.

„Frankreichs Industrie verliert zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit. Die Verlagerung von Unternehmen ins Ausland setzt sich fort, die Rentabilität der Unternehmen ist gering“, heißt es unter anderem in dem Papier.

SPD und Grüne Paris-Attacken auf Merkel „legitim und berechtigt“

Die ungewöhnlich scharfen Attacken von Frankreichs Sozialisten lassen die Kanzlerin kalt. Die Unions-Bundestagsfraktion reagierte dafür umso schärfer, SPD und Grünen stützen dagegen ihre „französischen Freunde“.

Kritisch sieht das Ministerium die „stark gestiegenen Lohnstückkosten und die hohen Lohnzusatzkosten“ und weist darauf hin, dass Frankreich die „zweitgeringste Jahresarbeitszeit“ in der EU aufweist. Laut dem Papier ist die „Steuer- und Abgabenlast die höchste innerhalb der Eurozone“. Es würden zudem zu wenige Investitionen und Forschung und Entwicklung getätigt.

Die Einschätzung des Ministeriums dürfte die ohnehin angespannte Tonlage zwischen Frankreich und Deutschland verschärfen. Ähnlich kritisch wie Rösler sieht auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle die Situation. In einer internen Analyse mit dem Titel: „Frankreich – Europas größtes Sorgenkind“ wird die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Frankreichs heftig kritisiert: „Frankeich zählt zu den Staaten mit einem hohen Regulierungsniveau des Arbeitsmarktes und hochentwickelten Systemen der sozialen Sicherheit“, heißt es in dem Papier aus der Bundestagsfraktion. Die Fraktion wendet sich vor allem gegen die „lavierende Reformpolitik“ von Staatspräsident Francois Hollande.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

  • Wachstum

    Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
    Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

  • Schulden

    Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
    Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

  • Wettbewerbsfähigkeit

    Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
    Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

  • Industrie

    Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

    Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

  • Arbeitskosten

    Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

    Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.


Das Papier der FDP-Fraktion sorgte bereits in der Bundesregierung für Diskussionen. Nach Informationen des Handelsblatts wurde auf Arbeitsebene im Auswärtigen Amt davor gewarnt, die Kritik würde das deutsch-französische Verhältnis weiter belasten.

  • 29.04.2013, 18:39 UhrSarina

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • 29.04.2013, 18:40 UhrKaurikampf

    Es ist eine Schande, wie auch wahlkampfmotiviert, die zweite Reihe unserer Regierungsparteien über Frankreich herfällt! Das ist völlig unangemessen! Die Franzosen haben ihre Art zu leben und zu leiben! Das Ganze kann man auf das Essen ausdehnen! Mit dieser, an sich sehr symphatischne Lebensweise , die sie auch des Öfteren mit Streiks garnieren, sind sie mit Sicherheit im Weltmaßstab nicht an der Wettbewerbsspitze! Leider hat sie , die Franzosen, der Teufel geritten mit dem Wunsch nach der Währungsunion! Wären sie doch beim Franz. Franc geblieben! Dann hätten wir nicht dauernd diesen gemeinsamen Zwang zum Gleichschritt und damit viel weniger Ärger! Prof. Lucke hat Recht: Dieser elende Euro entzweit die Länder! Wenn zwei Partner nicht im Gleichen Takt miteinander tanzen können , sollen sie es sein lassen! Man tritt sich umsonst auf die Füße! Ich wähle die AfD, damit wir mit Frankreich befreundet bleiben können! So lange ich kein Franz. Auto fahren muss....
    Ingo Meyer

  • 29.04.2013, 18:47 UhrRumor

    Der Gerechtigkeit halber muß man sagen, dass das Engegement von Frau Merkel im französischen Wahlkampf ein großer Fehler, um nicht zu sagen Skandal, war und sich Frau Merkel nicht wundern muss, wenn sie und ihre Politik nun ihreseits attackieren wird ,wenn sie Wahlkämpferin ist.
    Die Verwilderung der Sitten trägt Früchte und die schmecken nicht süß.
    Von der Sache her sind natürlich die Franzosen selber verantwortlich für die Situation, in der sie stecken und nicht Frau Merkel.
    Frankreich und die Entwicklung in diesem Land, die nicht gut ist, ist viel entscheidender für das Schicksal der Währungsgemeinschaft als Spanien und Italien.
    Das sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn man als Beobachter europäische Politik analysiert.

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