Die Amtszeit von Bundespräsident Rau endet heute
Der Versöhner mit dem späten Start

Der passionierte Skatspieler Johannes Rau hielt am Anfang seiner Amtszeit nicht die besten Trümpfe in der Hand. Der langjährige nordrhein-westfälische Ministerpräsident wurde in einem jener Polit-Händel zum Kandidaten gekürt, die in der Bevölkerung für Politikverdruss und Vertrauensschwund sorgen. Folgender Eindruck war nicht abzuschütteln: Da hat sich einer ins Amt gedrängelt und dafür ein anderes aufgegeben. Und ganz falsch war der Eindruck nicht.

BERLIN. Entsprechend schlecht waren die öffentlichen Noten für das gesamte erste Amtsjahr von Rau. Der Versöhner und Hirte predigte vor tauben Ohren, der Menschenfischer zog leere Netze ein. Und die leise Stimme von Bruder Johannes (“Versöhnen statt spalten“) fand wenig Gehör. Allzu versöhnlich passte sich der wenig ambitionierte, erhaben-unverbindliche Rededuktus dem Habitus des müden Mannes an, der er damals, kränkelnd, war. Er war kein jovialer „Rucker“ wie Vorgänger Roman Herzog und schon gar kein „General Dr. von Staat“ Thomas Manns, den Richard von Weizsäcker so blendend darzustellen wusste. Ein Jahr lang fand der damals bereits 68-jährige Rau seinen eigenen Ton nicht.

Doch im Februar 2000 traf er ihn schließlich, unpathetisch, verbindlich: Als erstes deutsches Staatsoberhaupt sprach er vor dem israelischen Parlament und bat das jüdische Volk um Vergebung für die Verbrechen der Nazi-Deutschen. Wenig später hielt er eine beachtenswerte Rede über Gentechnologie. Sie war auf christlichem Wertefundament aufgebaut, doch fern jeglichen Fundamentalismus’ eines Josef Ratzingers oder eines so hemdsärmelig denkenden Technologie-Optimisten wie Bundeskanzler Gerhard Schröder damals.

Raus Parlamentarierschelte zum makabren Geschacher im Bundesrat beim Zuwanderungsgesetz ließ an Deutlichkeit nichts vermissen. Allerdings hatte er sein Prüfungsrecht nicht so konsequent wahrgenommen, wie viele es von ihm erwartet hatten. So folgte der Rau’schen Lizenz der Widerruf des Bundesverfassungsgerichtes. Doch da schrieb man bereits das Jahr 2002. Davor lag der 11. September 2001 mit den Terroranschlägen in den USA. Da stand Raus wohliger Predigergestus den klaren Inhalten im Weg, klangen drängende Mahnungen wie bare Selbstverständlichkeiten: „Wir müssen mit zivilen Mitteln reagieren!“ Heute weiß man, wie Recht er mit seinen Warnungen vor dem bald anstimmenden Kriegsgeschrei hatte.

Vielleicht wollte er am Ende seiner Amtszeit den Eindruck korrigieren, jemand zu sein, der außerhalb des Zeitengefüges steht, zuschaut und eben hin und wieder etwas von sich gibt. In Berlin sprach er von der Gefahr der immer stärkeren Kurzatmigkeit der Politik und vom drohenden „Sich-zu-Tode-plaudern“ der Politiker in Talkshows.

Womöglich heißt das dann aber auch: Er war im höchsten Amt zu sehr traditioneller Sozialdemokrat in einer Zeit, da das öffentlich gemachte Wort eher auf liberal, marktliberal, neoliberal hinauslief. Während andere Leistung und Eigenverantwortung einklagten, verteilte Bruder Johannes den Balsam der Solidarität und der Nächstenliebe. So hat er, anders als Weizsäcker, keine aufwühlende Rede zum 8. Mai gehalten und dem Land keinen Herzog’schen Ruck gewünscht. Erstere, die historische, Leistung hat ihm der Kalender nicht gegönnt, und für präsidiale Bonmots war er nicht zu haben. Dazu war er, dem die Mehrheit eine zweite Amtszeit gönnte, doch nicht Populist genug.

Vielleicht hat er auch deshalb lange vor dem Pisa-Alarm gewichtige Reden über Bildung und Wissenschaft gehalten, vielleicht deshalb vor dem Zuwanderungsdebakel Ausländerintegration als Priorität angemahnt. Allein, die Leitthese, unter der seine Amtszeit stand, war vielleicht nicht die richtige: In Zeiten bitterer Einschnitte und polarisierender Politik brauche das Land einen Versöhner. Heute weiß man, dass diese Zeiten, diese politische Kultur und diese Regierung einen PR-Agenten für Reformen benötigt hätten.

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