Die Basis grollt
„IG Metall? Hör mir auf!“

Bei den Ford-Arbeitern in Köln stößt der Führungsstreit auf Unverständnis.

KÖLN. Ließe sich die Liste der eingegangenen Anrufe auf Dieter Hinkelmanns Handy ausdrucken, würde sie glatt von Köln bis Frankfurt reichen. Fast jedenfalls. Aus Frankfurt am Main kommt der Mann mit dem leicht angegrauten Schnäuzer auch gerade: Dort hat er in seiner Funktion als Vorstandsmitglied der IG Metall an der 13- stündigen Krisensitzung der Gewerkschaftsspitze teilgenommen. Jetzt sitzt er wieder in seinem Büro im Haus M auf dem Werksgelände der Fordwerke in Köln Niehl. Und ist enttäuscht, sehr enttäuscht. Und die Presse und die Kollegen wollen wissen, wie es war.

Bei Ford bekleidet er den Job des Gesamtbetriebsratsvorsitzenden. Gefragt ist er zurzeit vor allem, weil er Sätze sagt wie: „Wenn was schief läuft, muss man als Chef die Verantwortung übernehmen, ob man nun persönlich Schuld hat oder nicht.“ Das geht an die Adresse von IG-Metall-Vize Jürgen Peters.

Das Hickhack an der Spitze bereitet dem Mann, der seit 35 Jahren bei Ford arbeitet, Sorgen: „Damit forcieren wir nur die Gewerkschaftsverdrossenheit.“ Das geht an den anderen Streithahn, IG-Metall-Boss Klaus Zwickel. Hinkelmann nimmt kein Blatt vor den Mund, weil er sicher ist, dass es gut bei seinen Leuten ankommt. Er ist da wie ein Ventil für den Unmut. „Es geht jetzt um Schadensbegrenzung, sonst prügeln uns die Leute aus dem Tempel raus.“

Unten im Werk zucken die Fordmitarbeiter nur mit den Achseln, wenn das Thema Gewerkschaft aufkommt: „Ach hör mir auf!“

Einigen haben die Vorgesetzten eingebläut, sich nicht zum Thema zu äußern, solange sie den Blaumann mit dem Ford-Logo tragen und die Medienmeute nach knackigen Zitaten und authentischen Bildern sucht. Die Streithähne in der Gewerkschaftsführung können allerdings mit keiner Gnade rechnen: „Dat ist doch wie in der Politik“, sagt einer und trifft damit den Tenor, „die da oben wissen doch längst nicht mehr, wat wir für Sorgen haben.“

Die Sorge um den Arbeitsplatz, wie geht das mit der Altersteilzeit und solche Themen. „Manche fragen sich, was die Gewerkschaft überhaupt noch für uns macht“, sagt Karlheinz Stieger, ein Elektriker, der seit 33 Jahren bei Ford arbeitet. Einige reden davon, auszutreten, aber das ist auch nicht so einfach: Der Betriebsrat versucht, die Leute bei der Stange zu halten.

Dieter Hinkelmann kann noch nicht sagen, wie sich das Vakuum an der Spitze seiner Gewerkschaft auf die 22 000 Köpfe starke Kölner Ford-Belegschaft auswirkt: Eine Hand voll Arbeiter hat wohl schon das Gewerkschaftsbuch abgegeben. Viel stärker sei diese Tendenz aber „in der Fläche“ zu spüren, sagt Hinkelmann. Vor seinem Büro liegt noch ein ganzer Stapel Broschüren aus mit dem Titel: „Streik im Osten – Solidarität im Westen“. Darin heißt es: „Die Rechnung geht auf.“ Allerdings: Nicht für die IG Metall.

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