Die CDU-Chefin stellt Edmund Stoiber in den Schatten
Merkels Macht, zum Greifen nah

Nur die fliederfarbene Krawatte des bayerischen Ministerpräsidenten stört die allgemeine Harmonie, der Binder will so gar nicht zum roten Jackett der Kanzlerkandidatin passen. Dennoch lautet die CDU/CSU Devise seit gestern: Schulter an Schulter marschieren, den Gegner fest im Visier.

BERLIN. Nur die fliederfarbene Krawatte des bayerischen Ministerpräsidenten stört die allgemeine Harmonie, der Binder will so gar nicht zum roten Jackett der Kanzlerkandidatin passen. "Wir werden gemeinsam mit unserer Spitzenkandidatin Angela Merkel kämpfen", liest der Bayer sichtlich bemüht von seinem Manuskript ab - und scheint dabei immer tiefer in seinem Stuhl zu versinken. Die Kandidatin lehnt sich derweil zufrieden zurück, lächelt den Fotografen freundlich zu. Mehrmals sieht sie etwas ungeduldig Stoiber von der Seite an, der gar nicht aufhören kann, von einem "ehrlichen Programm ganz neuen Stils" zu erzählen.

Seit gestern ist jedem klar: Bis zum 18. September sagt keiner mehr "Da hakt es noch an einigen Ecken und Enden". Die Devise lautet: Schulter an Schulter marschieren, den Gegner fest im Visier. Die Macht war für Merkel noch nie so nah wie jetzt. Da kann sich auch Stoiber nicht davonstehlen. Das Unions-Orchester hat jedenfalls seit gestern die Musik drauf. Bereits am Vormittag vor der Vorstandssitzung der beiden Schwesterparteien in einem Bankhaus am Pariser Platz nahe dem Brandenburger Tor spielt es den schönsten Harmonie-Blues: Hessens Ministerpräsident Roland Koch vertont mit ernster Miene das Regierungsprogramm als "Ausdruck einer neuen Qualität von Politik". Der Niedersachse Christian Wulff schwört dem Bürger treu, die "Wahrheit zu sagen". Das sich anschließende Abstimmungsergebnis der Unions-Vorstände mit 100 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen lässt den Vormittag harmonisch ausklingen. Disharmonisch wie immer ist Horst Seehofer, der sich verweigert. Da der CSU-Sozialpolitiker dies aber immer ist, hat das andererseits auch an diesem Tag seine Ordnung.

Da kann es wohl schon als eine besondere Art des "Durchregierens" in den eigenen Reihen verstanden werden, als Merkel nochmals bekräftigt, die Mehreinnahmen zum Füllen der leeren Kassen zu verwenden, wäre ein "schwerer Fehler" gewesen. Der neben ihr sitzende Bayer verzieht sein Gesicht zu einem bemühten Lächeln, während seine Augen grimmig über die randlosen Brillengläser wandern. Es bleibt ihm nur zustimmend zu nicken, wenn die Frau aus dem Osten postuliert: "Der Staat muss Gärtner sein und darf nicht Zaun sein, wenn er Wachstumspolitik auch wirklich betreiben will." Es war keine Frage der Parteidisziplin in der vergangenen Woche, als Merkel den Ministerpräsidenten ihre Vorstellungen klar machte. Das war eine Machtdemonstration. Ein Teilnehmer umschrieb das mit den Worten: "Das Feuer der Ministerpräsidenten war da schnell erloschen." Politik aus einem Guss hatte die Kandidatin versprochen - das dürften einige Parteifreunde jetzt ganz neu definieren.

Auch für den Koalitionspartner FDP hat Merkel einen Seitenhieb parat, als sie auf die Kritik an der höheren Mehrwertsteuer eingeht. Sie sei, so Merkel, ja schon viel in der Welt herumgekommen. Aber ein Ort, an dem die Grundrechenarten aus der Welt geschaffen worden wären, gäbe es auch in der Reinhartstraße nicht. Dort sitzt, wie Insider wissen, die Parteizentrale der Liberalen.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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