Die Deutschen würden Johannes Rau erneut ins höchste Amt schicken
Beliebt, respektiert, ungehört

Es geht auch ohne Weihrauch: „Jetzt trinken wir noch ein Bier, dann fahren wir heim.“ Der Bundespräsident hatte soeben unförmlich abgedankt und erklärt, er werde kein zweites Mal mehr für das höchste Amt kandidieren. Bürger Johannes Rau trank zum Abschied ein weiteres Pils. Die Krone des Bürgerpräsidenten Johannes Rau: aus Schaum.

BERLIN. Das war im September 2003 im Schloss Bellevue. Längst hatte Rau angekündigt, er habe sich bereits entschlossen. Nur eben nicht, wozu. Dabei war allen klar: Seitdem sich abzeichnete, dass sich Rot-Grün in der Bundesversammlung nicht würde durchsetzen können, wollten die Schwarzen das Amt selbst besetzen. Dazu wird es aller Voraussicht nach am Wochenende kommen: Horst Köhler heißt der Favorit.

Dabei währt Raus Amtszeit noch bis Ende Juni. Bis dahin aber wird er, der während seiner Amtszeit trotz einiger guter Reden wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen und noch weniger politische Resonanz ernten konnte, die Geschicke der Republik wie weißes Rauschen begleiten: irgendwie da, aber auch nicht klar vernehmbar. Ungefähr so verlief auch seine Amtszeit.

Der passionierte Skatspieler Rau hatte von Anfang an nicht die besten Karten. Der langjährige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens wurde in einem jener Polit-Händel zum Kandidaten gekürt, die im Politbetrieb für Politikverdruss und Vertrauensschwund in der Bevölkerung sorgen. Da half es auch nicht, dass ruchbar wurde, wie sehr Rau das Amt als Erfüllung eines Lebenstraums begriff, als verdiente letzte Dienstfahrt auf dem Luxusliner Deutschland. Der Eindruck war nicht abzuschütteln: Da hat sich einer ins Amt gedrängelt und dafür ein anderes aufgegeben. Und ganz falsch war der Eindruck nicht. Entsprechend schlecht waren die öffentlichen Noten für die ersten 100 Tage, dann für das erste Jahr seiner Amtszeit. Der Versöhner und Hirte predigte vor tauben Ohren. Allzu versöhnlich passte sich der wenig ambitionierte, erhaben-unverbindliche Rededuktus dem Habitus des müden Mannes an, der er war. Er war kein jovialer „Rucker“ wie Vorgänger Roman Herzog und schon gar kein „Dr. von Staat“ Thomas Manns, den Richard von Weizsäcker so blendend gab. Ein Jahr lang fand der damals bereits 68-jährige Rau seinen Ton nicht.

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