Deutschland
Die ewige Nachhut

Geduckte Baracken verrotten vor dem Bürofenster von Ulla Schmidt vor sich hin. Ein Bild, das wenig ministerialen Glanz ausstrahlt: Efeu und junge Buchen ranken sich an den Holzwänden empor, der braune Lack blättert, die Blechdächer lecken. Die Bauten sind zu nichts mehr zu gebrauchen.

Die Gesundheitsministerin stört der Anblick kaum, sie blickt selten aus dem Fenster am Hauptsitz ihres Ministeriums: Rochusstraße 1 in Bonn. Die meiste Zeit verbringt Schmidt am Zweitsitz der Behörde– in Berlin. So wird sie auch die Baustelle nicht stören, die demnächst vor dem Fenster ihrer Bonner Dependance entsteht: Wo jetzt noch Baracken verfallen, soll bis 2006 für 450 Beamte ein neuer Bürobau hochgezogen werden. Voraussichtliche Kosten: 26 Millionen Euro. Der Architekturwettbewerb läuft.

Noch geht es beschaulich zu auf dem ehemaligen Kasernengelände in Bonn-Duisdorf, das sich Schmidts Gesundheitsministerium (BMGS) mit dem Verbraucherschutzministerium (BMVEL) von Renate Künast teilt. Auf dem Gelände arbeiten laut BMVEL-Stellenplan 799 von Künasts 953 Beamten. Auch Ulla Schmidts Nachhut in Bonn ist gewaltig: 76 Prozent ihrer Mitarbeiter harren am Rhein aus.

Doch die Beamten im Rheinland bekommen Ulla Schmidt selten zu Gesicht. „Ein Regelbesuch der Ministerin dauert zwei bis drei Stunden“, sagt Werner Pries, Referatsleiter für den Inneren Dienst in Bonn. „Sie schaut selten vorbei.“ Das gilt auch für Künast. In der Pförtnerloge an der Einfahrt in der Rochusstraße hängen vier Fotos, die von außen nicht zu sehen sind: Ministerin Künast und drei Staatssekretäre. „Damit man sie erkennt, wenn sie kommen“, sagt ein Pförtner.

Auch in anderen Bonner Häusern sind die Chefs selten da. Dabei sitzen 56 Prozent aller Mitarbeiter der Bundesregierung am Rhein, sechs Ministerien haben ihren Hauptsitz hier. Alle anderen Ressorts unterhalten Nebensitze in Bonn, inklusive Kanzleramt, Bundespresseamt und Präsidialamt.

Das Hin und Her hat System. Laut Gesetz muss mindestens die Hälfte aller Regierungsbeamten in Bonn arbeiten, für jedes einzelne Ressort ist prozentual festgelegt, wie viele Bürokraten wo zu sitzen haben. Die so genannten Bonn-Ressorts dürfen maximal 25 Prozent ihrer Stellen in Berlin ansiedeln, umgekehrt müssen Berlin-Ressorts weiterhin Zweigstellen in Bonn halten.

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