Die Grünen auf dem Weg zur Macht
Wenn der Kellner zum Koch wird

Für Altkanzler Gerhard Schröder war einst klar: SPD und Grüne – das sind Koch und Kellner. Jetzt wirbeln die Grünen die politischen Verhältnisse durcheinander. In Baden-Württemberg und Berlin erscheint die Macht zum Greifen nah. Und die SPD schwankt zwischen Aufbäumen und Absinken zum Junior.
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BERLIN. Deutschland steht vor einer möglichen politischen Zäsur. Werden die Umfragen Realität, dürfte in fünf Monaten der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands gewählt werden: nach Lage der Dinge Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg - mit den Stimmen der SPD. Weitere sechs Monate später könnte Renate Künast den Regierenden SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit in Berlin vom Chefsessel drängen. Nach heutigem Stand der Dinge könnten die Grünen dafür SPD-Chef Sigmar Gabriel ins Kanzleramt helfen.

Eigentlich sind es nur Umfragewerte, noch haben sich weder Kretschmann noch Künast erklärt, ob sie antreten werden. Doch seit Wochen steigen die Grünen in ihrem Höhenflug stabil weiter, bis zu 21 Prozent im Deutschlandtrend. Und sie lassen keinen Zweifel: Regieren trauen sie sich wieder zu.

Sie geben jetzt ernste Parolen aus. „Aus der positiven Stimmung für die Grünen erwächst Verantwortung für uns, und wir nehmen diese Verantwortung an“, sagt Fraktionschefin Künast staatstragend. „Wir tun gut daran, dass wir mit Inhalten überzeugen, anstatt auf dem Umfragehoch zu segeln“, mahnt Parteichefin Claudia Roth. Der erste Grünen-Parteitag in der neuen Hype-Ära im November in Freiburg soll nach Künasts Willen hochfliegende Debatten vermeiden: „Der Parteitag ist der richtige Ort, solide weiterzuarbeiten.“

Vorstands- und Parteiratswahlen würden zeigen, „dass wir richtig gute Frauen und Männer haben“, meint Roth, deren Bestätigung an der Seite von Cem Özdemir als sicher gilt. Schließlich stellt sich die Frage, ob die Grünen das Personal haben, neue Hoffnungen zu erfüllen.

Eben noch heiß diskutierte Modelle im Fünf-Parteien-System scheinen passé. Schwarz-Grün gilt wegen der Gräben um die Atompolitik und den Stuttgarter Bahnhof als ausgeträumt. Auch wenn Künast für Berlin die Tür nicht zuschlagen will. Für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) würde es nach einem Machtwechsel im Südwesten immer enger, erst im Bundesrat, dann wohl auch im Bund insgesamt.

In den Augen Gerhard Schröders waren SPD und Grüne einst Koch und Kellner. Lässt die SPD die Umkehrung der Verhältnisse zu? „Wer eine Regierung führen will, muss mehr bieten, als einen Protest anzuführen“, mäkelt Südwest-Landeschef Nils Schmid beim SPD- Landesparteitag. Der dortige Generalsekretär Peter Friedrich brach das Tabu aber schon: Die CDU wolle man in die Opposition schicken - „egal welche unserer Parteien dann vorn liegen sollte“.

In Berlin gilt noch die Ansage von Wowereit und SPD-Landeschef Michael Müller vom Sommer: Eine Mehrheit für eine Juniorpartnerschaft sei auf einem SPD-Parteitag unvorstellbar. Der Berliner Grünen- Fraktionschef Volker Ratzmann sieht im Fall einer SPD-Niederlage die Zeit Wowereits und Müllers aber vorbei. „Es gibt genug andere in der SPD, die einen grünen Regierenden Bürgermeister in Berlin wählen würden“, sagt er der „Tageszeitung“.

Derzeit brüten die Grünen darüber, was in Stuttgart am Bahnhofsbau unter ihrer Führung zurückzuholen wäre. Und wie die Atomlaufzeiten nach einem Machtwechsel 2013 wieder verkürzt werden können. Motto: Dinge vorklären, Enttäuschungen vermeiden. Und jetzt nicht über eine Kanzlerkandidatur träumen, wie Jürgen Trittin deutlich macht.

Viele in der SPD sehen die Grünen als Welpen vom eigenen Stamm an. Nach ersten Analysen der Grünen-Zentrale in Berlin verdankt die Partei den Zulauf in erster Linie SPD-Abtrünnigen und der Bindung der eigenen Klientel. Roth folgert: „Die SPD tut gut daran, sich in Ruhe daran zu gewöhnen, dass sie in uns eine Partei auf Augenhöhe hat.“

Doch wie können SPD und Grüne neu zueinander finden? Seit 100 Tagen ist Sylvia Löhrmann grüne NRW-Vize-Ministerpräsidentin. Fragt man sie nach ihrem Verhältnis zur SPD-Regierungschefin Hannelore Kraft, fällt ihr erst „zielorientiert“ ein, „sachlich“ und „unaufgeregt“. Dann fügt sie hinzu: „wohltuend“. Typisch ist das nicht unbedingt zwischen Rot und Grün.

Kommentare zu " Die Grünen auf dem Weg zur Macht: Wenn der Kellner zum Koch wird"

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  • Die Grünen in der Regierung - eine Apokalypse!
    Deutschland würde sich in der Tat vollends abschaffen! Türkisch würde Amtssprache! Alles nationale und christliche wird aus dem Vokabular gestrichen! Die letzte Strophe der deutschen Nationalhymne würde auch noch vollends gestrichen! Ströbele würde seine lang ersehnte türkischen Feiertage einführen und Weihnachten aus Rücksicht auf unsere muslimischen Mitbürger abschaffen!

  • Wären die Grünen schon früher ganz vorne in der Regierung mit dabei gewesen, hätten wir uns vermutlich diese elende Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke erspart

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