Die Grünen in der Hansestadt
Die vielen bunten Smarties

Es ist erst ein halbes Jahr her, da hatte die Grün Alternative Liste, wie die Grünen in der Hansestadt heißen, im Frühling in eben diesem anheimelnden Saal des Bürgerhauses Wilhelmsburg das größte Experiment der Parteigeschichte gestartet - sie wagten erstmals in einem deutschen Bundesland eine Koalition mit der CDU. Nun fallen die Blätter von den Bäumen und die Grünen sitzen wieder hier und kehren die Scherben ihrer in Rekordzeit zerbrochenen Träume zusammen.

HAMBURG. Christa Goetsch schaut mitleidheischend in die rund 300 Gesichter der Hamburger Grünen im Saal: "Ich bin bitter enttäuscht", bekennt die Frau mit den großen Augen, die die Grünen in die Koalition mit den Schwarzen führte, und heute Schulsenatorin ist. Die Grünen konnten das "Klimamonster" Moorburg nicht verhindern, ihre grüne Senatorin Anja Hajduk unterlag vor Gericht dem Stromkonzern Vattenfall und musste zähneknirschend die Erlaubnis für eines der größten Kohlekraftwerke der Republik unterschreiben. "Du hast uns verraten" brüllt ein grüner Querulant aus den hinteren Reihen, als die nüchterne Hajduk die Sachzwänge, die rechtlichen Hürden noch einmal erklärt.

Drei Stunden lang schütten sie Asche auf das grüne Haupt. Nein, es war nicht der böse Koalitionspartner CDU, auch wenn sich deren Chef "Ole von Beust jetzt ins Fäustchen lacht", wie einer bitter spekuliert. Der Koalitionspartner "hat uns alle Möglichkeiten gegeben", verteidigt Christa Goetsch Ole von Beust, mit dem sie und Anja Hajduk sich schon in den Koalitionsverhandlungen so gut verstanden hatten. Und sagt noch einmal, dass sie es ernst gemeint hat, damals, als sie den Anhängern versicherte, sie würden Moorburg verhindern. "Wir waren vielleicht zu optimistisch", sagt auch die neue Parteichefin Katharina Fegebank.

Sie hatten dem Wähler versprochen, das Kraftwerk zu verhindern - und wollten so auch die Parteilinie der Grünen insgesamt gegen neue Kohlekraftwerke erstmals konkret umsetzen. Sie hatten auch noch in Optimismus geschwelgt, als sie schon an der Regierung waren, als sie schon alle Unterlagen kannten. Sie hatten sich auf die Einschätzung der Rechtsspezialisten in den Umweltverbänden und auf die Umweltbeamten der EU verlassen, erzählen sie jetzt treuherzig, und fest geglaubt das Kraftwerk mit dem Wasserrecht, mit dem nicht ausreichenden Schutz der Elbe, kippen zu können. Das Oberverwaltungsgericht sah das anders - und enorme Schadensersatzforderungen wollte Hajduk nicht riskieren.

Es blieb ihnen nur, Vattenfall hohe Auflagen zu machen: Um die Elbe nicht zu sehr aufzuheizen, darf das Kraftwerk die allermeiste Zeit nur mit gedrosselter Kraft fahren. Nun ist die Betroffenheit groß. "Natürlich stehen wir blöd da", bekennt Umweltstaatsrat Christian Maaß, die rechte Hand Hajduks. "das tut mir selbst unendlich leid".

Ein Kritiker drückt es weniger freundlich aus. "Wir sind die Ärsche", ruft der Grauhaarige in den Saal, "die vielen bunten Smarties haben uns besoffen gemacht". Er erinnert an die vielen hochfliegende Hoffnungen, denn das Aus für Moorburg war nicht der einzige Traum: Der Elbvertiefung mussten sie schon in den Koalitionsverhandungen zustimmen, auch eine Autobahn mussten sie absegnen. Die Studiengebühren konnten sie nur ein wenig reduzieren und eine nachträgliche Zahlung erreichen, die ersehnte Stadtbahn und auch die Umweltzone wird es bis auf weiteres nicht geben und der Traum von der "Schule für alle" wird ein aufreibender Kampf um eine zwei Jahre längere Grundschule.

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