Die Kanzlerin und die Wirtschaftsbosse
Merkel, Manager, Moneten

Die Bundeskanzlerin wettert nicht nur wegen zu hoher Bezüge gegen die Bosse - sie vermisst auch deren Unterstützung gesamtwirtschaftlicher Interessen. Ist die Geschichte von Angela Merkel und den Wirtschaftsbossen die Geschichte eines großen Missverständnisses?
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DÜSSELDORF. Die Wirtschaft glaubte in der CDU-Politikerin und Bundeskanzlerin eine natürliche Bündnispartnerin zu haben: der Wirtschaft so nah wie Vorgänger Gerhard Schröder - plus mehr ordnungspolitische Klarheit. Merkel hingegen hatte anfänglich die Illusion, die Wirtschaftschefs sähen neben den Kerninteressen für ihr jeweiliges Unternehmen auch so etwas wie eine Gesamtverantwortung für das Gemeinwohl.

Das war einmal. Wann immer Merkel in ihrer zweijährigen Amtszeit mit Unternehmensbossen über die großen Linien der Wirtschaftspolitik sprechen wollte, so berichten ihre Mitarbeiter, hätten diese zwar nett zugehört, wären dann aber sehr schnell zu konkreten Wirtschaftsförderungen oder rechtlichen Einzelmaßnahmen gekommen - immer im Interesse ihres jeweiligen Unternehmens.

Oder die Unternehmer würden häufig ihr Wort nicht halten. So wie Post-Chef Klaus Zumwinkel. Der habe, heißt es im Kanzleramt, der Kanzlerin in die Hand versprochen, dass er einen Lohnabschluss anstrebe, der auch die Konkurrenten einbezieht - und nicht das protektionistische Einzelinteresse der Deutschen Post durchsetzen wolle. Getan habe er aber dann das Gegenteil. Aus Sicht der Kanzlerin ließ sich der Post-Chef auf einen Einzelabschluss ein, der das ohnehin ordnungspolitisch schwierige Konzept von Mindestlöhnen nunmehr völlig ad absurdum führt. Merkel wiederum - per Koalitionsvereinbarung auf die Einführung von Mindestgehältern festgelegt - bezieht nun die Prügel und ist sauer auf Zumwinkel.

Vor allem der Unmut auf den Post-Chef steckte hinter ihrem Frontalangriff auf die deutschen Manager beim CDU-Parteitag Anfang vergangener Woche in Hannover. Schon am Abend zuvor im Kreis der Journalisten testete sie ihre Argumente. Resonanz positiv. Bis tief ins bürgerliche Lager, hatte zuvor Generalsekretär Ronald Pofalla gemeldet, reiche die Aversion gegen die angebliche Selbstbedienungsmentalität der Manager. So konnte die Kanzlerin taktische Pluspunkte sammeln: Wieder einmal nahm sie der SPD ein linkes und publikumswirksames Thema weg.

Sie stieg ein bei den Abfindungen: "Warum soll jemand mit Geld überschüttet werden, der auf ganzer Linie versagt hat?", rief Merkel unter großem Beifall in das Plenum des Parteitags. Aber auch bei den Gehältern wollte sie die Argumente der Wirtschaft nicht mehr gelten lassen. Wie zum Beispiel den Satz: "Nur mit höchsten Gehältern bekommt man angeblich die besten und erfolgreichsten Führungskräfte." Offenbar werde da nach dem Grundsatz verfahren, wenn ein amerikanischer Autoboss das Tausendfache seiner Arbeiter verdiene, "muss ganz offensichtlich auch ein deutscher Autokonzernchef eine Gehaltssteigerung bekommen, die er seinen Mitarbeitern nie zugestehen könnte". Dem hielt Merkel die Einkommen der Manager japanischer Automobilkonzerne entgegen. "Dort verdient der Chef nur ungefähr das Zwanzigfache eines Arbeiters."

Erfolgreiche Produktion gebe es nur an erfolgreichen Standorten, und die gebe es nur, wenn es gerecht und verantwortungsbewusst zugehe. Die Kanzlerin räumte aber ein, dieser Bereich sei gesetzlich kaum zu regeln. Nötig sei aber eine unvoreingenommene und sensible Diskussion darüber. "Soziale Marktwirtschaft bedingt, dass die Menschen zusammengehören. Wenn uns das nicht mehr gelingt, fliegt uns der ganze Laden auseinander", fuhr Merkel fort.

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