Die Kohl-CDU und die Krise
„Was kostet uns der Euro? Nichts!“

Es war ein Ausraster, der sich gewaschen hatte: CDU-Grandseigneur Biedenkopf macht in einem Interview Altkanzler Kohl für die Euro-Krise verantwortlich. Hat er Recht? Die Wahrheit ist: Es ist noch viel schlimmer.
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BerlinKurt Biedenkopf und Helmut Kohl können sich nicht riechen. Der Grund liegt lange zurück. In den siebziger Jahren war Biedenkopf ein enger Vertrauter des damaligen CDU-Vorsitzenden Kohl. Von 1973 bis 1977 war Biedenkopf sogar als Generalsekretär Lautsprecher der Partei in die Öffentlichkeit. Doch wegen Meinungsverschiedenheiten mit Kohl schmiss er hin. Seitdem sind sich die beiden in stetiger Abneigung verbunden.

In der Euro-Krise erreicht der Graben, der zwischen den beiden Christdemokraten verläuft, eine neue Weite: Biedenkopf rüttelt an Kohls Lebenswerk – dem Euro. Der Altkanzler ist einer der Architekten Europas. Doch nun, da die Gemeinschaftswährung in einer schweren Krise steckt – und damit auch Europa an den Abgrund rückt, wird eben nicht nur über tagesaktuelle politische Fehlentscheidungen gestritten, es wird insbesondere nach den Geburtsfehlern gesucht, die letztlich die Basis dafür geschaffen haben, dass sich die Euro-Zone heute in schwerem Fahrwasser befindet.

Biedenkopf sieht in Kohl einen der Haupturheber für das heutige Euro-Dilemma. Ihm sei der Zeitplan letztlich wichtiger als die Stabilität gewesen, sagte Sachsens früherer Ministerpräsident Kurt Biedenkopf dem Nachrichtenmagazin „Focus“. „Darum hat er auch sein politisches Schicksal mit dem Euro verbunden, was eine rationale Debatte verhinderte.“ Biedenkopf ist überzeugt, dass schon während der Verhandlungen zum Stabilitätspakt deutlich geworden war, dass die meisten Länder eine strikte Sparpolitik und Haushaltsdisziplin als Einmischung in ihre politische Souveränität ablehnen würden. Daher habe Kohl „nicht ernsthaft“ darauf hoffen können, dass die Stabilitätskriterien eingehalten würden.

Die Vorwürfe wiegen umso schwerer, als die Mitwirkung am Bau des „europäischen Hauses“ Kohls außenpolitisches Lebensziel war. Da passen Fragen nach seiner Verantwortung für das Euro-Dilemma schlecht ins Bild. Und sie passen auch nicht, weil sie einen wichtigen Jahrestags überschatten könnten. Am 1. Oktober jährt sich zum 30. Mal der Amtsantritt Kohls als Bundeskanzler. Doch die Fragen sind berechtigt – vor allem vor dem Hintergrund, dass mit dem Regierungswechsel von Kohl zu Gerhard Schröder 1998 selbst dem Altkanzler dämmerte, dass sein Euro-Werk zerredet und aufgeweicht werden könnte.

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  • "Jetzt ist er(Kohl, Anm.) nur noch Zuschauer eines Dramas, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist.", aber quatscht wenigstens nicht noch lauter dummes Zeug am laufenden Band wie sein Vorgänger, der Demenzkanzler Schmidt oder sein Nachfolger Schröder auf Befehl Putins. Aber gleich viel: Alle wissen es, was schon Horaz in seinen Epistulae formulierte: Das Volk büßt, was die Könige tun. Allerdings ist das Volk ganz und gar nicht unschuldig und das weiss jeder, der sich der Situation 1998, also der Entscheidung für das Tandem politische Union & Währungsunion, einigermaßen korrekt vergegenwärtigt. Denn die Massenverblödung hatte schon große Fortschritte gemacht in dieser Republik und so konnte man das Tandem den Massen verkaufen mit dem Vorteil, man brauche jetzt im Italienurlaub keine Lire mehr zu kaufen. Die Opposition gegen dieses Tandem beschränkte sich damals auf einen ganz kleinen Kreis von Rechts-, Wirtschafts- und Währungsexperten und einige wenige Politiker, Biedenkopf war allerdings nach meiner Erinnerung nicht darunter.

  • Hier zur gefälligen Erinnerung: ein Wahlplakat der CDU von 1999:
    http://www.cashkurs.com/Detailansicht.80.0.html?&cHash=2c7dcae242&tx_t3blog_pi1[daxBlogList][showUid]=12588

  • Freie Wähler unterstützen-Gegen ESM und für mehr direkte Demokratie.....ESM-Neine Danke, denn es gibt sehr wohl Alternativen!!!Zeir für einen politischen Wandel!Wofür stehen die Freien Wähler? http://www.fw-landtag.de/aktuelles/2012/video-gillamoos-2012-rede-von-hubert-aiwanger/

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