Die Lehrer können den Unterrichtsplan frei gestalten
In Finnland fördern die Schulen jeden einzeln

Der Begriff Bildungstourismus hat seit Zeiten der Pisa-Studien eine ganz neue Bedeutung bekommen: Finnland ist nach zwei Spitzenplätzen im internationalen Ländervergleich zum ersten Reiseziel deutscher Bildungspolitiker geworden.

STOCKHOLM. Die Trips in den hohen Norden hatten einen guten Grund. Denn vor vier Jahren offenbarte die Pisa-Studie die Qualitätsunterschiede in den Bildungssystemen - und Finnland schnitt besonders gut ab.

Doch obwohl sich deutsche Bildungspolitiker zeitweise die Klinke in Helsinki in die Hand gaben, brachte das neu geweckte Interesse am finnischen Bildungssystem bislang nicht den erhofften Erfolg. Auch in der Pisa-II-Studie vom vergangenen Dezember bleibt der Abstand zwischen dem Spitzenreiter im Norden und Deutschland ungewöhnlich groß.

Gründe für die Bildungsmisere hier und den Bildungsboom dort gibt es viele. Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Ländern: In Finnland genießen alle Schulen eine außergewöhnlich große Freiheit. Das Zentralamt für Unterrichtswesen legt auf gerade einmal 22 Seiten nur sehr grob die allgemeinen Bildungsziele fest. So können die Lehrerinnen und Lehrer die Lernziele für ihre Klassen selbst definieren. Überprüft werden sie erst nach der sechsten Klasse der Einheitsschule.

Erst dann trennen sich die Schulzweige: Gymnasium für die einen, Berufsschule für die anderen. Und erst von diesem Zeitpunkt an vergeben die Lehrer Noten. Nach neun Schuljahren gehen etwa Zwei Drittel aller finnischen Schüler auf weiterführende Schulen, deren Unterricht in Kursen organisiert ist. Der Abschluss entspricht dem deutschen Abitur.

Stellt ein Lehrer Schwächen bei einem Schüler fest, steht ihm ein umfassendes Paket von Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Dazu gibt es an jeder Schule besondere Lehrer, die durch Einzelunterricht gezielt die Probleme des jeweiligen Schülers ausgleichen. An dieser individuellen Förderung nimmt knapp jeder fünfte Schüler des Landes teil.

Bildungsexperten glauben, dass die umfassende Integrationsarbeit, die ein Sitzenbleiben ausschließt, die Grundlage für die finnischen Pisa-Erfolge bilden. "Förderung statt Selektion" lautet das Motto. Außerdem gibt das Land jährlich mit über 3800 Euro deutlich mehr für einen Grundschüler aus als Deutschland mit 3000 Euro.

Doch das liebe Geld macht mittlerweile auch den Finnen zu schaffen: Immer mehr Schulen klagen über Ebbe in den Kassen der Gemeinden, die schon Stellen abgebaut und Schulen geschlossen haben. Der ehemalige Leiter des Zentralamts für das Unterrichtswesen, Jukka Sarjala, warnte jetzt sogar davor, dass der Pisa-Erfolg sich letztlich als ein Bumerang für die Schulen erweisen könnte. Denn die Politiker sehen im so erfolgreichen Schulsystem eine willkommene Einsparmöglichkeit.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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