„Die Linke“
Die Anti-Genossen-Agenda

PDS und WASG wollen am Wochenende zur neuen Partei „Die Linke“ fusionieren - für die Sozialdemokraten die schlechteste Nachricht des Jahres. Notizen aus der Provinz, die den Genossen einmal Heimat war.

SCHWEINFURT. Vor der Döner-Bude in Schweinfurts Zentrum sitzt ein feiner Pinkel. Schimmernde hellblaue Krawatte, blau gestreiftes Hemd, adretter Anzug, Typ: gehobenes Management. Während seinem Tischgenossen die rote Chilisauce in die Fliegeruhr rinnt, filetiert der Braungebrannte seinen Türkenburger stilvoll mit Messer und Gabel, bedächtig wie ein in minimalinvasiver Technik geschulter Chirurg. „Ich esse zum ersten Mal hier, sonst nie!“ beteuert er, als wäre dieses Mahl weit unter seinem Stand. „Aber ich habe keine freie Minute.“

Nicht mal beim Döner hat Klaus Ernst, der erste Bevollmächtigte der IG Metall und Gründer der „Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit“ (WASG), seine Ruh. „Sie sind doch der Ernst, der WASG-Gründer“, nähert sich ein schwarz gelockter Jugendlicher. „Ich möchte eintreten.“ Der Menschenfischer frohlockt: „Kommens’ halt mal vorbei“, sagt’s und deutet auf die andere Straßenseite. Dort steht sein Mahnmal moderner Arbeitervertretung, das IG-Metall-Haus. Es ist sein politisches Zuhause. Und die Kommandozentrale seiner Protestpartei.

Nicht nur die lokale und regionale Sozialdemokratie wähnen hinter der glänzenden Gewerkschaftsfassade einen Umstürzler. Seit Ernst vor zwei Jahren den Rauswurf aus der SPD wegen unbotmäßigen Widerstands („Dem Schröder gehört der Arsch verhauen!“) mit der Gründung der WASG quittierte, hat seine Truppe regen Zulauf. Mit Hilfe einer Hand voll Metaller, DGB-ler und Ex-Genossen sowie der Gewerkschaftsorganisation hat er die Neugründung im Sauseschritt etabliert, verliert die SPD an allen Ecken und Enden: Mitglieder, Gewerkschafter, Arbeiter, Angestellte, Linke und: Wähler.

Quer durch das politische Spektrum und die sozialen Schichten büxen sie aus. In Schweinfurt, 53 646 Einwohner, ist selbst der frühere, hoch populäre CSU-Kreisvorsitzende Heinz Amling übergelaufen. „Ich hätte nie geglaubt, dass es so schnell geht“, bilanziert Ernst, der Elektromechaniker mit Diplom in Volkswirtschaft und Sozialökonomie.

Schweinfurt ist Deutschland. Überall wo die SPD einst Sprachrohr der Arbeiter war – Köln, Kaiserslautern, Stuttgart, Nürnberg, Salzgitter, Wolfsburg, im ganzen Ruhrgebiet – brechen Ernst und Gewerkschaftler ein, knöpfen der SPD zweistellige Prozentpunkte ab. Wenn WASG und Linkspartei am Wochenende auf ihrem Gründungsparteitag zur neuen Partei „Die Linke“ fusionieren, ist das die für die SPD vorerst schlechteste Nachricht seit Jahren.

Bundesweit haben sich längst rund 600 Betriebsräte und hauptamtliche Gewerkschafter in der WASG/Linkspartei etabliert, zwei Drittel der Bundestagsfraktion sind Gewerkschafter. Einträchtig sägen sie an den Wahlchancen der Genossen. Deshalb hat Kurt Beck die „Mindestlohn“-Initiative auf Kiel gelegt. Denn seit der Bremen-Wahl drohen holländische Zustände. Dort sind die Sozialisten fest neben den Sozis etabliert – mit tatkräftiger Gewerkschaftshilfe.

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