Die Linke
Die Muppet-Show mit Gysi und Lafontaine

Frenetischer Beifall brandet auf im weißen Festzelt. Draußen stehen schon mehr Anhänger der Linken, als drinnen Platz haben, als die Granden Einzug halten. Gregor Gysi lacht breit, Oskar Lafontaine winkt wächsern und lacht erst, als SPD-Chef Franz Müntefering auf dem TV-Bildschirm neben der Bühne auftaucht.

BERLIN. Der Saarländer zieht beim Blick zur Seite mit den Lippen eine Fluppe, „Münte“ muss die Niederlage von dessen ehemaliger Partei vertreten, Lafontaine, der zu den Linken geflohene frühere Boss der Sozialdemokraten, feiert mehr als den Sieg seiner neuen Partei. Ein „innerer Reichsparteitag“ ist ihm anzusehen.

Und neben ihm fabuliert Ko-Fraktionschef Gysi gerade vom „historischen Sieg“: Niemals zuvor sei es einer Partei links der SPD gelungen, zweistellig in den Bundestag einzuziehen. „Wir haben die ganze Gesellschaft durcheinandergebracht – und das war auch höchste Zeit“, schreit der Ost-Charismatiker seinen Anhängern entgegen. Und mit Blick auf den neben ihm stehenden Ko-Parteichef Lothar Bisky fährt Gysi fort: „Ich will die Leistung von Lothar nicht kleinreden – und meine auch nicht, wer bin ich denn? Aber wir verdanken unseren Sieg auch in hervorragender Weise Oskar.“

Da recken die Linken-Fans im Festzelt die geballten Fäuste in die Höhe. Und der gefeierte Saar-Napoleon hebt im Stil des einstigen selbst ernannten Weltökonomen zum Vortrag an: „Die Regierungen der Welt haben sich zum ersten Mal in der Geschichte als unfähig erwiesen, auf die Krise zu reagieren“, doziert er. Da blickt der kleinere Gysi zum größer gewachsenen 66-Jährigen auf.

Wie die greisen Grantler Statler und Waldorf ziehen die beiden Herren in den 60ern ihre Muppet-Show auf der politischen Bühne ab. Und wie bei den Stoffpuppen für die Kleinen ist es auch hier: Obwohl sie auf der politischen Bühne auch künftig nichts zu sagen – jedenfalls nichts zu bestimmen – haben, ist ihre Show unterhaltsamer als das Hauptprogramm. Dabei gibt Gysi der wunden Parteiseele Salbe, und Lafontaine kümmert sich um den Ausblick. Beide aber sticheln vor allem gegen die SPD, die Worte Merkel, CDU oder FDP fallen nie.

Dazu passt auch, dass die Linke in der „Kultur-Brauerei“ im Berliner In-Bezirk Prenzlauer Berg feiert, einer Grünen-Hochburg, in der die SPD-Ost-Ikone, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, als Direktkandidat um sein politisches Überleben kämpft. Hier ruft Gysi die SPD-Basis auf „zur Rebellion, sie muss sich endlich resozialdemokratisieren“. Und „wir sind jetzt in sechs“ – kurzer Blick zum zweiten Spitzenkandidaten Lafontaine: Stimmt doch Oskar? – „in sechs Landtagen vertreten. Das ist ein grandioser Sieg für uns.“ Dann verhöhnt er unter dem hämischen Gejohle seiner Parteifreunde den roten Lieblingsfeind: „Ab wann ist man eigentlich Volkspartei?“ Die Linke sei nun die wahre Opposition im Bundestag, und die SPD könne sich anschließen, und die Grünen sollten darüber nachdenken.

Lafontaine geht sogar noch weiter, missbraucht in seiner kurzen Rede an die Linkswähler sogar den alten Willy-Brandt-Satz „Wir müssen mehr Demokratie wagen“: Die Linke „ist die einzige Partei, die gegen das jetzige System steht, das des Finanzkapitalismus“, umreißt der Ober-Linke die künftige Fundamentalopposition seiner Partei.

Bevor die beiden Spitzenkräfte ihren Anhängern einheizten, war die Stimmung im weißen Zelt ohne Freibier kurzfristig in den Keller gerutscht. Schuld waren die schwarzen und gelben Balken, die sich auf den Bildschirmen unaufhaltsam nach oben schoben. Doch das Feiern ließen sich die Linken nicht verderben. Auch weil die Moderatorin der Linksparty Geburtstag und 15. Hochzeitstag feierte: „Als Ossi mit einem Wessi-Mann, das geht“, rief sie in den Applaus hinein.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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