Die ökonomische Wissenschaft hat große Fortschritte gemacht – aber es bleibt noch viel zu tun
Aufholjagd mit Hindernissen

Voller Wut über das deutsche Hochschulsystem flüchtete Klaus Friedrich Zimmermann vor 20 Jahren erst nach Belgien, dann in die USA. „Ich war frustriert von den Rahmenbedingungen, die man als junger Ökonom an deutschen Unis hatte“, erinnert er sich.

DÜSSELDORF. Inzwischen ist Zimmermann mit der Heimat versöhnt – er leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. „Die deutsche Volkswirtschaftslehre hat seit Anfang der achtziger Jahre große Fortschritte gemacht“, sagt Zimmermann. „International brauchen wir uns heute nicht mehr zu verstecken.“

Wie viel sich getan hat, zeigt das Ranking der forschenden Ökonomen in Deutschland, das Thomson Financial für des Handelsblatts aufgestellt hat. Ein Blick auf die Spitzengruppe macht deutlich, dass gerade die Ökonomen bis Mitte vierzig, die ab Mitte der achtziger Jahre mit ihrer wissenschaftlichen Karriere begannen, Forschung auf internationalem Standard betreiben.

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„Die deutsche Nationalökonomie hat sich in den letzten 20 Jahren sehr gut entwickelt und ist international deutlich wettbewerbsfähiger geworden. Bei der internationalen Vernetzung sind wir anderen Geisteswissenschaften inzwischen weit voraus“, sagt auch der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Hans-Werner Sinn.

Zwar zeigt die Rangliste der volkswirtschaftlichen Fakultäten, die Thomson Scientific für das Handelsblatt erstellte, dass an vielen Universitäten nach wie vor kaum Forschung auf internationalem Niveau stattfindet. Doch wer an einer der deutschen Spitzen-Universitäten studiert und promoviert, der hat heute das für anspruchsvolle Forschung nötige Rüstzeug.

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Im Ranking der VWL-Fakultäten schälen sich als Spitzengruppe klar die Ludwig-Maximilian-Universität München, die Humboldt-Universität Berlin und die Universitäten Mannheim und Bonn heraus. Ihre Spitzenstellung zeigt sich auch daran, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft diese vier Universitäten und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mit Ihrem ökonomischen Sonderforschungsbereich betraut hat.

Doch auch einige Universitäten der zweiten Reihe machen große Fortschritte, die in der zehn Jahre zurückreichenden Auswertung noch nicht voll zur Geltung kommen. Verkrustete Strukturen beginnen zu bröckeln. Bei Professorenberufungen wird inzwischen vielerorts stark auf Veröffentlichungen in anerkannten Fachzeitschriften geachtet. Ausbildungsprogramme für Doktoranden nach internationalem Standard, früher ein Alleinstellungsmerkmal der Universität Bonn, werden ins Leben gerufen. Im Studium wird den Studenten stärker als früher die statistische und mathematische Basis für anspruchsvolle Ökonomie vermittelt.

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Noch haben die deutschen Ökonomen ihren Rückstand in der internationalen Forschungskonkurrenz aber noch nicht aufgeholt. Unter den Hundert meistzitierten Wissenschaftlern der Welt, bezogen auf Aufsätze der letzten zehn Jahre, ist kein Deutscher, wohl aber andere Europäer. Nach den Auswertungen von Thomson Scientific belegte Deutschland in den letzten zehn Jahren über alle Fächer Hinweg Rang drei gemessen am Marktanteil bei den Zitationen. In der Abteilung „Economics and Business“ landet Deutschland dagegen hinter den Niederlanden und Frankreich auf Rang sieben.

Die Wirtschaftsforscher beklagen schlechte Bedingungen, die sie am wissenschaftlichen Arbeiten hindern und dazu führen, dass Spitzenforscher viel eher abwandern als zuwandern. Dazu zählen sie den hohen Verwaltungsaufwand an deutschen Lehrstühlen, hohe Lehrdeputate und immer neue Budgetkürzungen durch die Hochschulen. Auch der Leistungsdruck ist hierzulande geringer. Das Prinzip „Publish or Perish“ (Publiziere oder verschwinde) gilt nur eingeschränkt.

Hans-Werner Sinn. kritisiert vor allem die schlechte Bezahlung des Mittelbaus. „Deutsche, die in den USA studiert haben, können wir dadurch kaum nach Deutschland zurück holen“, sagt er. Davon kann auch Michael Burda ein Lied singen. Der US-Amerikaner ist seit 1993 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Berliner Humboldt-Universität. Immer wieder versucht er, junge aufstrebende Ökonomen aus den USA nach Berlin zu holen – und oft handelt er dabei nur Absagen ein.

Zum Beispiel bei Matthias Döpke. Der 33-jährige deutsche Makro-Ökoom ist seit dem Jahr 2000 Assistant-Professor an der University of California in Los Angeles. „Zwischen den Arbeitsbedingungen an guten US-Fakultäten und an deutschen Unis liegen nach wie vor Welten.“ Zum Teil sei eine Assistenz-Professur an einer US-Elite-Uni attraktiver als eine C4-Stelle an einer deutschen Hochschule. Ein wichtiger Vorteil sei das generelle Niveau der Kollegen, das zu einem produktiveren Arbeitsumfeld führe: „In Deutschland gibt es vereinzelt sehr gute Leute – hier bin ich gänzlich von ihnen umgeben.“

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