Die Parteien belagern den Dresdener Wahlkreis 160 und setzen bei den Bürgern ganz auf die psychologische Wirkung
„Volksabstimmung im Kleinen“

König Kurt" klopft Andreas Lämmel kräftig auf die Schulter. Der CDU-Direktkandidat im Dresdener Wahlkreis 160 zuckt kurz unter den gut gemeinten Schlägen zusammen. Dann lächelt er aber zufrieden, als der frühere Ministerpräsident Sachsens empfiehlt, "seinen Freund Lämmel" am Sonntag zu wählen. "Wir müssen ein Signal nach Berlin senden", lautet die Botschaft von Kurt Biedenkopf - die aber kaum einer hören will. Lediglich zwanzig Rentner klatschen zaghaft vor einem Einkaufszentrum im Stadtviertel Prohlis.

HB DRESDEN.Die meisten kümmert das Signal der Nachwahl an diesem nasskalten Tag herzlich wenig. Sie reißen Lämmel lediglich die kleinen Tüten mit der Aufschrift "Mehr Biss für Dresden" wortlos aus der Hand und hasten weiter zu ihren Einkäufen. Die Äpfel in den Tüten kommen deutlich besser an als die Wahlbroschüren, die sich unter den aprikosenfarbenen CDU-Schirmen stapeln .

Die Wähler des Wahlkreises 160 können mit ihrer Stimme am Sonntag das Gesamtwahlergebnis ohnehin nur noch theoretisch beeinflussen. Völlig verwirrende Varianten geisterten durch die regionalen Medien, die alle möglichen und unmöglichen Erst- und Zweitstimmenergebnisse durchspielten. Eine ältere Frau fragt Lämmel fast schon flehentlich: "Wo soll ich denn mein Kreuz machen?"

Theoretisch müsste die SPD-Kandidatin Marlies Volkmer das Direktkandidat holen und 200 000 Zweitstimmen mehr erringen als alle anderen Kandidaten zusammen - erst dann gäbe es ein Patt im Bundestag von 224 zu 224 Mandaten. Bei insgesamt 219 000 Stimmberechtigten ist das ausgeschlossen. Das spüren auch die Wahlkämpfer. Eine ältere Frau blockt CDU-Mann Lämmel ab: "Ich habe schon durch Briefwahl gewählt", eine andere meint: "Sie kriegen meine Stimme sowieso nicht." SPD-Kandidatin Volkmer ergeht es nicht viel besser.

Trotzdem gibt sich die Berliner Politprominenz die Klinke in die Hand. Die Parteistrategen wissen genau um die psychologische Wirkung der Nachwahl, die durch den Tod einer NPD-Kandidatin nötig wurde. Wer an der Elbe gewinnt, hat bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin die Nase vorn, wenigstens für ein paar Tage. Der Gewinner wird alles tun, um der Öffentlichkeit das Ergebnis als "Volksabstimmung im Kleinen" zu verkaufen, als Sieg für den Kanzler oder die Kandidatin.

Während sich Lämmel vor dem Einkaufszentrum Prohlis weiter abmüht, trommeln in der Altstadt Honeckers Erben für ihre Spitzenkandidatin Katja Kipping. Nur einen Steinwurf von der neu restaurierten Dresdener Frauenkirche entfernt, freut sich die 27-Jährige, dass allein der Einzug der Linkspartei in den Bundestag viele "Pläne des Kapitalismus" in den Schubladen verschwinden lasse.

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