Die Sicht der Israelis
„Das ist der letzte Krieg"

Tel Aviv, sonst eine quicklebendige Stadt, wirkt lahm. Denn die Menschen bleiben daheim aus Angst vor neuem Alarm und neuen Raketen. Ein Stimmungsbericht aus Israel.

Tel AvivHeute kurz vor elf Uhr wurde Tel Aviv wieder aufgeschreckt: Raketenalarm. Was dann folgt, ist schon fast Routine: Ich suche, weil es bei uns keinen Luftschutzkeller gibt, im Treppenhaus Schutz, zusammen mit meiner Frau. Einige Nachbarn sind schon da, andere stoßen von den oberen Etagen hinzu: Je tiefer man ist, desto sicherer ist es, wissen sie. Kinder haben Angst und begreifen nicht, was passiert. Der Knall ist dieses Mal deutlich stärker zu hören als in den vergangenen Tagen. Offenbar wurden die Raketen über dem Meer, etwa zwei Kilometer von unserer Wohnung entfernt, abgefangen und zerstört, hören wir später. „Die eiserne Kuppel hat uns gerettet,“ meint eine Nachbarin. Und natürlich gibt es nur ein Thema, auch an diesem Morgen: Die Angst vor den Raketen.

Der Krieg trifft die Metropole unvorbereitet. Konzerte werden abgesagt, Ferien auf später verschoben, in den sonst gut besetzten Restaurants findet man plötzlich Platz, weil die Leute lieber zu Hause bleiben, als sich dem Raketenhagel auszusetzen. Ein ähnliches Bild gibt es in Kinos und Kneipen, sie sind geöffnet, aber nicht gut besucht.

Tel Aviv, sonst eine quicklebendige Stadt, wirkt lahm. Das schlägt sich auch in der Wirtschaft nieder. Die Umsätze am eben noch boomenden Immobilienmarkt sind auf praktisch Null abgesackt, und die Werbewirtschaft hat TV-Spots gestrichen, weil die Angst vor den Raketen die volle Aufmerksamkeit der Konsumenten beansprucht.

Auch am Donnerstag gab es Alarm, dieses Mal erwischt er uns in einem Lampengeschäft beim alten Hafen. Überall nur Gipswände, die keinem Druck standhalten. Der Verkäufer wies uns deshalb den Weg zu einem Kollegen, dessen Laden über einen geschützten Raum verfügt und den wir rennend erreichten. Es ist der vermutlich angenehmste Fluchtort vor den Geschossen aus Gaza: eine Weinboutique. Inmitten von Flame, Riesling und Primitivo warten wir das Ende der Sirenen ab, ich studiere die Etiketten, bevor wir zu den Lampen zurückkehren. Meine Bemerkung, dass ich diesem Krieg immerhin die Bekanntschaft mit dieser wunderbaren Weinboutique verdanke, findet niemand lustig. Über den Krieg, belehrt mich meine Frau, macht man jetzt keine Witze.


Die Raketen aus Gaza haben bisher zwar noch keine Opfer gefordert, aber sie bringen das Leben durcheinander. Ein großer Teil des Landes lebt in Angst. Raketenalarm gibt es nicht nur an der Grenze zum Gazastreifen, sondern auch in der nördlichen Stadt Hedera, in Jerusalem und in der Agglomeration Tel Aviv. Die Hauptstadt wurde von drei lauten Explosionen erschüttert, melden Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP, nachdem es Luftalarm gegeben hatte. Der genaue Ort, wo Raketen niedergegangen sind, teilt die Regierung nicht mit, um der Hamas und all den anderen keinen Anhaltspunkte zu liefern. Alarm war laut Zeugen vor Ort auch in der jüdischen Siedlung Maale Adumin zu hören, die östlich von Jerusalem im Westjordanland liegt.

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