Die Sprache der Macht Politiker als Förderer des Populismus

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Talent Gregor Gysi

Fragt man Experten für politische Sprache nach ihren aktuellen Rhetorik-Favoriten, nennen die meisten den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei im Bundestag, Gregor Gysi (68), und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU/67).

Lieblingsgast der Talkshow-Macher aber ist Wolfgang Bosbach - und das hat auch mit Sprache zu tun. Der 64-jährige CDU-Innenpolitiker gilt nicht nur als Sympathieträger, weil er mutig seine Position vertritt. Und weil er sogar die eigene Partei scharf kritisiert. Die Leute mögen ihn auch, weil er Schachtelsätze meidet und verständlich redet.

Bosbach hat, als wir ihn treffen, gerade eine schwere Operation hinter sich. Erst vor wenigen Tagen konnte er die Klinik verlassen. Jetzt ist der Bundestagsabgeordnete schon wieder in Berlin, strahlt rheinische Gelassenheit aus. Das Rosa seiner Krawatte lässt ihn frisch aussehen. Er sagt: „Wer - wie ich persönlich chronisch fröhlich ist, wer gerne einen Scherz macht und dann auch noch Klartext spricht, wird in der heutigen Zeit schnell als schlichtes Gemüt charakterisiert. Aber glauben Sie mir: Nicht jeder, der total kompliziert formuliert, ist auch tatsächlich ein Intellektueller.“

Zu den Politikern, die gerne Satzmonster bauen, zählt Medienberater Abromeit auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (62). Er sagt: „Sie benutzt eine so schwierige Syntax, dass ich am Satzende häufig nicht mehr weiß, was sie zu Beginn des Satzes gesagt hat.“ Immerhin mache die CDU-Chefin den Eindruck, als wenn sie es selbst wisse, sagt er.

Manche Politiker glauben, so stellt Sprachforscherin Wehling fest, dass eine unklare Sprache mit komplizierten Sätzen ihnen Vorteile bringt. Sie sagt: „Wer undeutlich formuliert, ist oft auch konfliktscheu oder weiß nicht, was er will.“ Und: „Durch ungenaue Sprache minimiere ich die Pflicht, Rechenschaft abzulegen für das, was ich erreicht oder nicht erreicht habe.“

Der dressierte Politiker 

Zu den Begriffen, die in der deutschen Politik seit Jahrzehnten gemieden werden, zumindest wenn es um die Bundeswehr geht, gehört der „Krieg“. Als über den Afghanistan-Einsatz debattiert wurde, gab es längere Zeit große sprachliche Verrenkungen zu beobachten.

Das Etikett „Terror“ dagegen nehmen Verantwortliche aus Sicht des Rhetorik-Experten Kramer heute viel zu häufig in den Mund. „Und zwar immer dann, wenn es darum geht, extreme Entscheidungen zu begründen.“

Und warum ist das Wort „Problem“, das bis in die 90er Jahre im Zentrum so vieler politischer Talkshows stand, in Ungnade gefallen? „Es ist fast verboten heute, Problem zu sagen“, berichtet Medienberater Abromeit. Das sei nicht nur in der Politik so, sondern auch in der Wirtschaft: „Da gilt es scheinbar als unschicklich, von Problemen zu sprechen - man entlarvt sich selbst dann als Problembär.“

Ganz anders sieht es aus mit dem Wort „Herausforderung“. „Problem, das ist richtig schwer, und das macht auch keinen Spaß“, sagt Abromeit. Eine Herausforderung sei dagegen etwas Positives, „da kommt Freude auf, und Ehrgeiz“.

Selbst Talkshow-Dauergast Bosbach findet es eigentlich gut, „wenn man Rat von Fachleuten einholt“, auch in Sprachsachen. Nur solle man es nicht zu weit treiben, warnt er. Doch wo verläuft für ihn die Grenze? Ernster Blick, Bosbach denkt kurz nach. Dann sagt er: „Dort, wo man dressiert ist, wo man nicht mehr authentisch ist.“

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  • dpa
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