Die Union fürchtet um ihren stärksten Trumpf im Koalitionspoker
Abschied von Jamaika

Adios, Jamaika! Unmittelbar vor den Sondierungsgesprächen mit den Grünen sorgt man sich in der CDU um die Strahlkraft ihres Hoffnungsprojekts für ein reformfähiges Koalitionskabinett unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel. "Ein großer Teil der Grünen ist nicht ernsthaft an einer Jamaika-Koalition interessiert", räumt Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach ein. Was die Vision von Schwarz-Gelb-Grün in der Schwesterpartei CSU anrichtet, bleibt den CDU-Strategen ebenfalls nicht verborgen.

BERLIN. Heute treffen die Spitzen von Grünen und Union in Berlin zu ersten Gesprächen aufeinander. "Natürlich wird die Jamaika-Option von uns noch eine Weile offen gehalten", sagt ein CDU-Präsidiumsmitglied hinter vorgehaltener Hand. Man werde versuchen, die Gespräche möglichst in die Länge zu ziehen. Aber angesichts der Haltung der Grünen sei klar: Der Trumpf sticht wohl nicht mehr allzu lange.

Kaum ein Spitzen-Grüner lässt noch einen Zweifel daran, dass es ein Bündnis mit Union und insbesondere FDP auf absehbare Zeit nicht geben wird. Zwar ist der Ökopartei das fortgesetzte Werben der Union nicht unangenehm. Die Grünen werten die plötzliche Zuneigung der Konservativen als Beweis ihrer Regierungsfähigkeit. In der Fraktion heißt es, es sei überhaupt nicht verkehrt, über neue Konstellationen zu reden - zumal man auf Landesebene mit der Union ja durchaus ins Geschäft kommen will. Doch fehlen die inhaltlichen Gemeinsamkeiten, fehlt das "schwarz-grüne Projekt" - und mit den Liberalen will man schon sowieso nichts zu tun haben. Symbolik sei wichtig: "Man darf sich aber nicht an den Punkt treiben lassen, wo man die Ernsthaftigkeit verliert."

Was heißt das für das Blatt der Union im Machtpoker um das Kanzleramt? Nicht, dass Schwarz-Gelb-Grün jemals eine Variante gewesen wäre, die irgendjemand für sehr wahrscheinlich gehalten hätte. Schädlich wäre ihre Verflüchtigung vor allem für die Verhandlungen mit der SPD: Ohne halbwegs glaubhaftes Alternativ-Szenario schrumpft der Hebel, mit dem sich auf die andere Seite Druck ausüben lässt, spürbar.

Mancher in der CDU versucht deshalb, die Lebensspanne der Jamaika-Spekulationen noch ein wenig zu verlängern - mit der Variante etwa, man könne die Sache für die Grünen doch ein ganzes Stück attraktiver machen: Schwarz-Grün mit Tolerierung durch die FDP. Dann könnte Joschka Fischer Außenminister bleiben, grün-liberale Streitthemen wie etwa die Gentechnik könnten ausgeklammert werden, und der schwächelnden CSU wäre die Sorge genommen, dass sich Grüne und FDP in Sachen innere Sicherheit und gesellschaftspolitische Liberalisierung gegen sie verschwören.

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