Diesel-Abgastests Politik wusste seit 2016 von Tierversuchen

Diesel-Abgastests an Menschenaffen? Kanzlerin Angela Merkel verurteilt die Forschung der Autoindustrie. Dabei wussten die Mitglieder des U-Ausschusses zum VW-Abgasskandal seit eineinhalb Jahren Bescheid.
Update: 29.01.2018 - 14:00 Uhr 8 Kommentare

Diesel-Abgastests: „Ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“

Diesel-Abgastests: „Ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“

Düsseldorf/BerlinBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat umstrittene Diesel-Abgastests scharf verurteilt und Aufklärung eingefordert. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. „Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich.“

Dabei sind zumindest die Abgastests an Tieren dem Untersuchungsausschuss zum VW-Abgasskandal seit eineinhalb Jahren bekannt. Schon auf dessen Sitzung am 8. September 2016 berichtete der bekannten Toxikologe Helmut Greim mehrfach davon, dass es entsprechende Tests gegeben habe. Keiner der informierten Politiker nahm jedoch daran Anstoß. Dies geht aus dem stenografischen Protokoll der Sitzung hervor, das dem Handelsblatt vorliegt. Das Statement des Toxikologen für den U-Ausschuss vom 26. August 2016 ist auf der Webseite des Bundestages abrufbar (PDF).

In der vierten Sitzung des Untersuchungsausschusses erklärte Helmut Greim, ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Toxikologie und Umwelthygiene an der Technischen Universität München, den Politikern, wie die Forschung ihre Erkenntnisse über die Wirkung von Stickstoff gewonnen habe: „Das ist unsere Information aus Tierversuchen.“ Der ebenfalls geladene Sachverständige Thomas Kuhlbusch von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bestätigte den Einsatz von Tierversuchen.

Dem Untersuchungsausschuss gehörten vier Politiker der CDU/CSU-Fraktion an, darunter deren verkehrspolitischer Sprecher Ulrich Lange. Die SPD entsandte ihre Verkehrsexpertin Kirsten Lühmann. Für die Grünen saß der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Oliver Krischer im Ausschuss. Den Vorsitz des Gremiums hatte der Linken-Politiker Herbert Behrens.

Keiner der Politiker stellte zum Thema Tierversuche eine Nachfrage. Lühmann konnte sich nicht mehr an den Bericht des von der CDU eingeladenen Sachverständigen erinnern. Im Gespräch mit dem Handelsblatt betonte sie aber, dass man sich immer auf die Untersuchungen der WHO gestützt habe, auf deren Basis die Grenzwerte in Europa festgelegt worden seien. Daher sei im Ausschuss nicht weiter auf andere Studien eingegangen worden.

Mit Blick auf die jetzt bekannt gewordenen Abgastests sagte Lühmann: „Ich war erschüttert, dass die deutschen Hersteller eine Organisation gründen, die Tier- und Menschenversuche nur zu dem Zwecke durchführt, um ihre Produkte entgegen anderen wissenschaftlichen Untersuchungen als unbedenklich darzustellen.“ Sie bezeichnete dies als „amoralisches Verhalten“. Es seien obendrein noch Versuche ohne jede Aussagekraft gewesen. „Wir müssen überlegen, ob wir so etwas in Zukunft überhaupt noch zulassen“, sagte Lühmann.

Helmut Greim, der das Dieselproblem in seiner Befragung mehrfach herunterspielte, war den Ausschussmitgliedern gut bekannt. Von 1992 bis 2007 war er Vorsitzender der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die unter anderem maximale Konzentrationen für Chemikalien am Arbeitsplatz festlegt. Greim war auch Mitglied der Enquete-Kommission des deutschen Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“. Im Juli 2015 überreichte ihm Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) das Große Verdienstkreuz mit Stern.

Greim war allerdings auch Beiratsvorsitzender der Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT), die die Studie mit Versuchen an Menschenaffen in den USA in Auftrag gegeben hatte. Federführend war laut Studienleiter dabei VW. Zur EUGT hatten sich Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch zusammengeschlossen.

Der geschäftsführende Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) kritisierte die Tests am Montag scharf, die ausschließlich PR-Zwecken dienten, wie ein Sprecher sagte. Die Untersuchungskommission des Ministeriums zum Abgasskandal solle in einer Sondersitzung prüfen, ob es weitere Fälle gibt. Die Autokonzerne seien aufgefordert worden, umgehend und detailliert Stellung zu nehmen. Die FDP brachte personelle Konsequenzen ins Spiel.

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8 Kommentare zu "Diesel-Abgastests: Deutsche Politik wusste seit 2016 von Tierversuchen"

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  • Hat irgendein Journalist oder Politiker eigentlich den Bericht von Prof. Greim gelesen, zu dem das Handelsblatt dankenswerterweise verlinkt hat? Merkwürdig:: Einerseits gibt Prof. Greim eine unwirksame NOx-Konzentration von 3000 ug/m3 an, die um Faktor 150! höher liegt, als die Angabe der WHO. Was in dem Bericht völlig fehlt, sind die Literaturverweise, damit man sehen kann, wer die Autoren dieser verschiedenen Studien sind. Folgt man den Ausführungen von Prof. Greim, ist der NOx-Wert selbst unkritisch, sondern der Wert ist nur ein Indikator, für eine ganze Reihe von Schadstoffen, die beim Verbrennungsprozess freiwerden. Ist das wirklich so? Selbstverständlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man Zahlen, die einem unplausibel vorkommen, im Rahmen einer weiteren Messung überprüft, Frau Ministerin Hendrick. Hätte die Autoindustrie einen einwandfreien Ruf, könnte sie das alles als Skandalisierung abtun. Problem ist: Wie war das denn nun mit den Versuchen? Sind die Affen nur einer erhöhten NOx Konzentration ausgesetzt gewesen, oder tatsächlichen Abgasen? Die Idee der Studie war wohl folgende: Wir setzen die Probanden hohen NOx-Konzentrationen aus und zeigen, dass das keine Probleme macht. Dann sagen wir: Schaut her, unsere Autos stoßen ja noch viel weniger NOx aus, als in unserer Studie, also sind die Abgase problemlos. Dass die geringe NOx-Konzentration im Abgas ein Marker für gefährliche Substanzen im Abgas ist (wie das Prof. Greim ausführt), brauchen wir der Öffentlichkeit ja nicht aufs Brot zu schmieren. Warum können die Meinungsmacher eigentlich nicht Sachverhalte kritisch und emotionslos prüfen und dann der Öffentlichkeit berichten? Diese reißerische Berichterstattung kann man nicht ernst nehmen.

  • Diese "Tests" wurden von Daimler, BMW und VW durchgeführt, um die Gefährlichkeit von Diesel-Abgasen anschließend in der Öffentlichkeit runterspielen zu können. Man hatte Ergebnisse erhofft, mit denen man die Politik hätte einseifen können, um weiterhin den gesundheitsschädlichsten Antrieb der Menschheitsgeschichte produzieren zu können. Jetzt ist es zu einem Image-Desaster gekommen. Gut so! Diese drei Marken sind für mich persönlich gestorben.

    Die Wirkung von Stickoxiden auf die menschliche Lunge ist längst bekannt. Die Politik hätte, anstatt diesen Schwachsinn auch noch zu fördern, den Diesel für den Individualverkehr bereits vor Jahrzehnten verbieten sollen. Seit Einführung des geregelten Kats für Benziner ist der Diesel eine einzige Zumutung! Weg mit diesen Dreckskarren und dass ohne Entschädigung! Die Diesel-Fahrer haben alle gewusst (oder wissen müssen), was sie da gekauft haben.


  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.


  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Da haben ein paar Affen ein paar Stunden Abgase eingeatmet. In der freien Wildbahn oder damit auch bei einer wirklich artgerechten Haltung, hätten sie z.B. Artgenossen zum Opfer fallen können, die ihr Revier attackiert hätten. Oder sie hätten anderen Raubtieren zum Opfer fallen können.

    Es ist absolut widerwärtig, wie unsere sog. Politiker sich auf ein Thema wie Tiere aufspringen und so eine Empörungsgesellschaft pflegen. Das Niveau der gesellschaftlichen Debatte entspricht ungefähr demjenigen von 6-jährigen! Das ist das politische Engagement der Dschungel-Camp-Zuschauer!

    Und an Frau Merkel: Liebe Frau Merkel, nach Ausbruch der Ukraine-Krise haben Sie festgestellt, dass es ein Fehler war, die Ukraine in eine Situation zu bringen, in der sie sich zwischen Europa und Russland entscheiden muss. Ich nehme an Ihre Regierung hat nach dieser Einsicht sich des Themas angenommen und sie haben Ansätze entwickelt wie dieser Fehler behoben werden kann und der Krieg somit enden kann. Bitte teilen Sie doch der Öffentlichkeit da einen entsprechenden Zwischenstand mit! Wir können ganz ähnliche Fragen zu den unterschiedlichsten Themengebieten stellen, die ähnlich dringlich sind. Auch da ist uns meist nicht so klar, wie Sie ihre Rettungspolitik jetzt mal erfolgreich umsetzen.

    Und so lange wir von Ihnen da nichts gehört haben, verschonen Sie uns bitte mit irgendwelchen Statements wegen drei blöden Affen!

    Mit besten Grüßen

  • "Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat umstrittene Diesel-Abgastests scharf verurteilt und Aufklärung eingefordert. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. „Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich."

    "Dem Untersuchungsausschuss gehörten vier Politiker der CDU/CSU-Fraktion an, darunter deren verkehrspolitischer Sprecher Ulrich Lange. Die SPD entsandte ihre Verkehrsexpertin Kirsten Lühmann. Für die Grünen saß der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Oliver Krischer im Ausschuss. Den Vorsitz des Gremiums hatte der Linken-Politiker Herbert Behrens.

    Keiner der Politiker stellte zum Thema Tierversuche eine Nachfrage."

    Entweder saßen / sitzen im Ausschuss übergreifend nur Fahnenträger der Automobilindustrie oder Bewusstlose oder Stillschweiger. Gleichviel kann man die Seibertsche Empörung der Kanzlerin nur fragwürdig finden. Entweder sie heuchelt oder sie bekommt von ihren eigenen Truppen keine Informationen, auch dann ist sie leitungsunfähig.

  • Also ich bin schon etwas enttäuscht von Presse und Politik: Bei den betreffenden Versuchen ging es anscheinend um NO2 Belastung am Arbeitsplatz, und die freiwilligen Probanden waren einer sehr schwachen Dosis ausgesetzt, so wie an vielen Stellen schon völlig normal. Aber ohne FAKTEN FAKTEN FAKTEN wird allerseits erstmal draufgeschlagen wie die Weltmeister. Aber an anderer Stelle, die wirklich relevant ist, werden sogar bekannte Fakten wissentlich und manipulatorisch unterdrückt, wie beispielsweise die Nationalität oder das Aussehen von Straftätern, sogar bei Fahndungsaufrufen.

  • Faszinierend ist das hasserfüllte Verhalten der Kanzlerin gegenüber der Autoindustrie die Grundlage der Existenz der deutschen Gesellschaft ist. Man hat den Eindruck dass es darum geht dem eigenen Land den grösstmöglichen Schaden zuzufügen.

    Das für die Autohersteller und damit die deutsche Gesellschaft existenzielle Fragen untersucht werden ist naheliegend und notwendig. Das man die Toxiologie von Autoabgasen mit Tier- und Menschenversuchen untersucht ist Stand der Wissenschaft. Man denke an die Pharmaindustrie. Ohne Tier- und Meinschenversuche wird kein Medikament zugelassen.

    Die aktuellen Abgasnormen für Kraftfahrzeuge kosten die Menschen in Europa möglicherweise zig Milliarden €/Jahr*. Es gibt zahlreiche NGO Initiativen die durch die ökoreligiös erleuchteten Poliktiker(innen) unterstützt werden, die den Menschen das Auto gänzlich nehmen möchten. Eine Gesellschaft ohne Individualverkehr hätte enorme Produktivitäts- und Wohlstandsverluste hinzunehmen. Wodurch wiederum die Lebenserwartung negativ beeinflusst wird.

    Die Begründung dieser Abgasnormen liegt in einer möglichen Gesundheitsgefährdung der Menschen. Die Grenzwerte sind willkürlich vom NGO Lobbyismus beeinflusst. Mangels besseren Wissens bleibt die Begründung vage. Die Folgen werden sehr unterschiedlich eingeschätzt, bis hin zu ökologischen Studien die 100.000ende Tote als Folge der Autoabgase behaupten.

    Somit erscheinen wissenschaftliche Untersuchungen zur toxikologischen Bewertung der Abgase prioritär für die Gesellschaft. Tierversuche sind geboten. Menschenversuche müssen wie in der Pharmaindustrie durch Freiwilligkeit und geringe Risiken gekennzeichnet sein.

    *Moderne Dieselautos sind mit Abgasrückführung, Katalysator, Partikelfilter, Harnstofftank, ausgestattet. Kosten für die Hersteller ca. 1200 €/Auto. Die Motorsteuerung optimiert die Abgaswerte teils zu Lasten des Verbrauchs. Die Autos sind wesentlich komplexer und sehr sensibel geworden. Reparaturen für mehrere 1000 € sind häufig.

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