Dieselgipfel

Autoindustrie plant größten Rückruf der Geschichte

Vor dem Spitzentreffen zum Thema Stickoxid-Belastung zeichnet sich der gemeinsame Beschluss bereits ab: Die Hersteller müssen Autos zurückrufen, aber nicht den Schraubenschlüssel ansetzen.
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Um die Innenstädte von Schadstoffen zu entlasten, sollen Autos nachgerüstet werden. Quelle: dpa
Feinstaub-Alarm

Um die Innenstädte von Schadstoffen zu entlasten, sollen Autos nachgerüstet werden.

(Foto: dpa)

BerlinBeim Gipfeltreffen an diesem Mittwoch in Berlin wird die Autoindustrie voraussichtlich den größten gemeinschaftlichen Autorückruf in der Geschichte der deutschen Automobilindustrie beschließen. Um die Stickoxid-Belastung zu reduzieren, werden sich die großen Autohersteller nach Angaben aus informierten Kreisen bei dem Treffen mit Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Umweltministerin Barbara Hendricks verpflichten, mehrere Millionen Dieselautos, die auf deutschen Straßen unterwegs sind, mit einer neuen Software aufzurüsten. Darüber hinaus dringt die Bundesregierung wohl auch auf eine Zusage für eine mögliche Aufrüstung der Hardware, die die Konzerne bis zu drei Milliarden Euro kosten könnte.

Zwei Jahre nach dem Dieselskandal der Volkswagen AG und einer jüngsten Selbstanzeige von Daimler AG und VW wegen möglicher Kartellabsprachen innerhalb der Branche stehen die Autokonzerne unter Druck, ihre bisherige Dieselstrategie zu ändern. Anders als in Großbritannien und Frankreich will die Politik der Wirtschaft beim heutigen Gipfel laut Verkehrsminister Dobrindt kein Auslaufdatum für den Verbrennungsmotor vorschreiben. Stattdessen soll ein Fonds in dreistelliger Millionenhöhe eingerichtet werden, der den digitalen Ausbau zur Verbreitung von Elektrofahrzeugen mitfinanzieren soll.

„Der politische Druck ist so enorm, dass die deutsche Autoindustrie mehr zu verlieren hat als ein paar Diesel-Autos“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, der Deutschen Presse-Agentur. Es gehe letztlich um den Wirtschaftsstandort Deutschland. „Deswegen wird die Industrie weiter gehen, als sie bislang gesagt hat.“ Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Bundesratspräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte, man werde die Auto-Industrie „in die Pflicht nehmen“. Sie erwartet ein Sofortprogramm der Hersteller.

Bei dem Spitzentreffen von Bund, Ländern und Autobranche geht es um Nachbesserungen bei der Abgasreinigung von Millionen Diesel-Autos in Deutschland und die Förderung eines abgasarmen Verkehrs in den Städten. Die Verpflichtung der Hersteller zu Updates an der Motorsoftware gilt als sicher.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte der „Passauer Neuen Presse“ vor dem Treffen, Ziel sei es, Ökologie und Mobilität näher zusammen zu bringen und eine Perspektive für die Mobilität der Zukunft zu geben. „Dazu muss die Industrie die Umrüstung von Euro-5- und Euro-6-Fahrzeugen umsetzen.“ Zudem erwarte er ein „akzeptables Angebot der Automobilindustrie“ zur Senkung der Schadstoffbelastung in deutschen Städten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten „auch die älteren Fahrzeuge einen Beitrag leisten“, erklärte der Minister. „Völlig klar ist: Die Kosten von Umrüstungen muss die Industrie tragen. Den Kunden dürfen keine Extrakosten entstehen.“

Ob Software-Updates ausreichten oder auch Umbauten nötig seien, ließ er offen. „Fest steht: Euro-5- und Euro-6-Dieselmotoren können mit neuer Steuerungssoftware deutlich verbessert werden“, sagte Dobrindt.

Streit gab es bis zuletzt um die Frage, ob zusätzlich auch Bauteile am Motor selbst nachgerüstet werden müssen, um den Stickoxid-Ausstoß der Fahrzeuge zu senken und drohende Fahrverbote in Städten zu verhindern. Die Autobranche hat bisher nur günstigere und einfachere Updates der Computersteuerung angeboten.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte dem „Tagesspiegel“ (Mittwoch): „Wir brauchen schnelle Software-Nachrüstungen und dann eine richtige Umrüstung der Hardware der Fahrzeuge, denn nur so lassen sich Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in besonders belasteten Städten vermeiden.“

Bei diesen Software-Updates geht es um neuere Diesel, die den EU-Abgasnormen Euro 5 und Euro 6 entsprechen. Unter anderem die Ministerpräsidenten der Auto-Länder Bayern und Niedersachsen, Horst Seehofer (CSU) und Stephan Weil (SPD), hatten staatliche Anreize wie Steuernachlässe oder Prämien ins Gespräch gebracht, damit Besitzer älterer Autos auf neue, sauberere Modelle umsteigen.

Vor dem Gipfel relativierte Weil das teilweise: Er wolle „den Konzernen nichts schenken“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Um alte Diesel von der Straße zu bekommen, brauche es Anreize, „vor allem von der Industrie“. Seehofer mahnte erneut eine Lösung für die mehr als fünf Millionen ältere Diesel-Pkw in Deutschland an, bei denen Software-Updates nicht möglich seien. „Ich will, dass modernere Autos die älteren Autos ablösen“, sagte er.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz betonte, dass Autobesitzer weder für die Umrüstungen noch für die Entsorgung alter Autos zahlen sollten. Für beides müssten die Hersteller aufkommen. „Wer einen Diesel gekauft hat, darf nicht der Dumme sein“, sagte der SPD-Chef dem „Spiegel“.

Einer YouGov-Umfrage zufolge hat die Abgasaffäre das Vertrauen in die Autoindustrie bei 41 Prozent der Deutschen ins Wanken gebracht – unabhängig davon, ob sie Diesel-Fahrer sind. Jeder fünfte Diesel-Besitzer hat demnach darüber nachgedacht, sein Auto zu verkaufen – und zwei von fünf Diesel-Fahrern würden künftig keinen Diesel mehr kaufen. Derzeit ist rund jedes dritte in Deutschland gemeldete Auto ein Diesel.

Nach dpa-Informationen will der Gipfel einen Fonds für weniger Schadstoffe im Stadtverkehr beschließen. Die Rede war von 500 Millionen Euro, an denen sich auch die Autobranche beteiligen sollte. Zusätzlich will die Politik Förderprogramme auf den Weg bringen und ausbauen, unter anderem für den Rad- und Schienenverkehr. Die Kommunen fordern unter anderem Hilfen für die Nachbesserung bei Bussen.

Zum Gipfel eingeladen sind die Chefs von Volkswagen, Porsche, Audi, Daimler, BMW sowie von Opel und Ford in Deutschland. Erwartet werden zudem die Ministerpräsidenten der „Autoländer“ Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland sowie die Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Diese sind stark von hohem Ausstoß an Stickoxid (NOx) betroffen.

Gastgeber des Treffens sind Dobrindt und Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Die Grünen kritisierten die Pläne als zu lasch. „Verbindliche Verpflichtungen der Autoindustrie zur Umrüstung finden sich genauso wenig wie wirksame Kontrollen“, sagte Bundestags-Fraktionsvize Oliver Krischer der dpa. „So wird kein Fahrverbot verhindert und kein ernsthafter Schritt in die elektromobile Zukunft gemacht.“

  • Bloomberg
  • dpa
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8 Kommentare zu "Dieselgipfel: Autoindustrie plant größten Rückruf der Geschichte"

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  • Wenn doch die Autoindustrie und Lobby so mächtig ist , wieso bestimmt dann ein -Verein - mit angeblich nur ca. 250 Mitgliedern , die öffentliche Diskussion , ohne von der technischen Materie viel zu verstehen ? Fragen über Fragen ?

  • @Rastlos, ja, da hilft es nur, alternativ zu wählen.

  • Auch hier ist wieder zu erkennen.
    Die Lohnsklaven werden noch mehr zahlen.
    Politik und Autoindustrie wie immer vereint.
    Wir sind eindeutig eine verdeckte Bananenrepublik !
    Wer das ändern möchte, der wählt im September eben nicht den schon gewohnten Parteienblock.

  • Wann merkt der Pöbel endlich, dass er von den Marionetten an den Fäden der Lobbyisten von vorne bis hinten verar...t wird. In den USA muss allein VW mehr als 20Mrd+ bezahlen, und hier lässt man sich mit 3-stelligen Mio.-Beträgen abspeisen. Das Dobrindt&Co die Chuzpe hat den Wählern sowas anzubieten, zeigt, welche tiefe Verachtung er für den "Souverän" hat

  • Die Dreckskarren gehören aus dem Verkehr gezogen weil die Software nichts bringt. Dass hier nur die DUH aktiv ist und das Umweltministerium passiv ist, ist ein Skandal.

    Die DUH soll in allen betroffenen Städte bis zur letzen Instanz auf Fahrverbote klagen.

  • Jürgen Döschner von der ARD sollte künftig nur noch mit dem Fahrrad fahren. Egal wohin. Kein Auto mehr für ihn. Mal sehen, wie lange er das durchhält.
    Die Mitglieder der Deutschen Umwelthilfe (DUH), allen voran Jürgen Resch dürften nur noch Produkte essen und verwenden sowie Kleidung tragen, an deren Produktion oder Transport kein Dieselmotor beteiligt gewesen ist, Da würden sie rumlaufen wie im Mittelalter. Von modernen Kommunikationsmitteln ganz zu schweigen.
    Wer fährt in Deutschland hauptsächlich Diesel? Vielfahrer. Pendler. Die machen das, weil sie müssen. Weil der Arbeitsplatz im spezialisierten Deutschland weit weg von der Wohnung oder vom Eigenheim ist. Weil sie mit Benzin arm werden würden an der Tankstelle.
    Diese Leute halten Deutschland am Laufen und nicht die Asylanten, die fürs Nichtstun bezahlt werden.
    Den Leuten , die aus wirtschaftlichen Zwängen Diesel fahren, damit am Monatsende noch was vom Lohn bleibt, derart vor den Koffer zu scheis.en, ist eine Sauerei hoch 16. Man zahlt den nicht unerheblichen Preis des Autos, der oft ein Jahreseinkommen bedeutet,Kfz-Steuern, Versicherung, Mineralölsteuer, demnächst auch Maut, hier und da ein Knöllchen, Kraftstoff, etc. und kriegt dann von einem Verein mit 250 abmahngeilen Mitgliedern namens DUH.
    gesagt. Nö, Dein Auto kommt auf die Halde. Sag mal, gehts noch ?
    Irgendwie fängt alles, an zu verwelken, was Merkel anfaßt. Jetzt hats die Dieselfahrer erwischt.

  • Eines ist wirklich erstaunlich , alte Diesel die vor allen von Menschen gefahren werden die weniger begütert sind ,sollen von der Strasse. Dabei ist es noch nicht lange her , dass man festgestellt hat, dass ältere Diesel sauberer sind als neue Diesel. Sollte es zum Fahrverbot kommen werden wieder die Schwachen bezahlen die sich kein neues Auto leisten können. Wenn ich durch Hamburg fahre und anderen Städten fällt mir immer wieder auf ,wie große LKW die Maut sparen für ein paar Kilometer Autobahn und durch die Innenstadt fahren. Dann zu wiederholten Male die Ampelschaltung besonders in ROT/GRÜN regierten Städten und Ländern. Hier geht nicht mehr gepaart mit Kleinbaustellen so angelegt , dass
    die Autos nur noch stehen.

    Das jetzt Özdemir und Co also die Grünen sich für die Autofahrer einsetzen , das diese fahren können und die Umrüstung von der Autoindustrie bezahlt werden ist ein Strassenwitz, wo man die Autos durch Fahrräder ersetzen will.

  • Größter Beschiss der Autogeschichte!
    Autogipfel beschließt: Beschiss hat sich wieder einmal gelohnt!
    Sollte auf dem Autogipfel nicht darüber beraten werden, wie die akuten, gesundheitsschädlichen Umweltbelastungen durch Autoabgase schnell wieder beseitigt werden können?
    Bräuchte man dazu nicht vorab eine schonungslose Analyse von Verantwortungen, Ursachen und Wirkungen?
    Meine Befürchtungen scheinen einzutreten bzw. noch übertroffen zu werden: Die Politik, die das ganze Problem bisher verschlafen und/oder in Kungelei mit der Autoindustrie unter den Teppich gekehrt hatte, wird angesichts drohender Fahrverbote und bevorstehender Wahlen zunehmend nervös und wird, in gewohnter Kungelei, auf "Auto-Gipfeln" (Schein-)Lösungen versprechen, die nach der Wahl wieder nicht umgesetzt werden.
    Und jetzt bieten einzelne Politiker, gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam, auch noch als "Rettungspakete für Dieselautos" getarnte Subventionen für die, aufgrund eigenen Unvermögens und Betrugs, ins Schlingern kommende Autoindustrie an!? Müßte man unser Land nicht vor den verantwortlichen, zwielichtigen, schummelnden Unternehmenslenkern und mit ihnen kungelnden Politikern schützen, die Wirtschaftswachstum und Millonen von Arbeitsplätzen massiv gefährden? Was wären dann die richtigen Instrumente, wenn offensichtlich auch die Kapitalseite, d.h. die Aufsichtsräte, versagen? Das wären die zu beantwortenden Fragen, bevor über Rettungspakete und Subventionen verhandelt werden kann.
    Nachdem das Feedback aus Umfragen äußerst negativ war, will man das jetzt alles vergessen machen und ausschließlich auf Software-Updates setzen (bis Ende 2018), die fast nichts bringen. Und die Gesetzesverstöße, die Kungeleien zwischen Industrie und Politik: alles vergessen! Und die Zukunftsstrategie? Brauchen wir nicht!
    Hatte die Union in ihrem Wahlprogramm nicht mehr Arbeitsplätze und Vollbeschäftigung (wenn auch erst für 2025) versprochen? Alles Schall und Rauch?
    Das kann ja ein "heiterer" Gipfel werden!
    Es ...

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