Digitalisierung TK startet die elektronische Patientenakte

Für zehn Millionen TK-Versicherte soll die Digitalisierung im Gesundheitswesen bis Jahresende ein Stück näher rücken. Andere wollen folgen.
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Jens Baas (r), Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse und Matthias Hartmann, Geschäftsführer IBM Deutschland, präsentieren eine App zum Start einer ersten „Elektronischen Gesundheitsakte“. Quelle: dpa
Elektronische Gesundheitsakte

Jens Baas (r), Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse und Matthias Hartmann, Geschäftsführer IBM Deutschland, präsentieren eine App zum Start einer ersten „Elektronischen Gesundheitsakte“.

(Foto: dpa)

BerlinAls erste gesetzliche Krankenkasse hat die TK eine bundesweite elektronische Patientenakte gestartet und setzt damit ihren Konkurrenten AOK und die Politik unter Zugzwang. Zwar ist die AOK ist mit ihrem eigenen Projekt einer Gesundheitsakte noch im Versuchsstadium. Die Politik ist mit ihrem Projekt einer elektronischen Gesundheitskarte aber seit über zehn Jahren im Verzug.

Zwei Milliarden Euro hat das 2005 mit großem Ehrgeiz begonnene Projekt für alle 70 Millionen gesetzlich Versicherte inzwischen gekostet. Den mehr als zehn Millionen Versicherten der größten Deutschen Krankenkasse soll es bis zum Ende dieses Jahres nun als ersten Versicherten in Deutschland möglich sein, ihre Gesundheits- und Krankheitsdaten an einem Ort zu speichern und mit dem Smartphone selbst zu managen.

In anderen Ländern wie Österreich aber auch Estland und den baltischen Staaten ist dies längst eine Selbstverständlichkeit.

Und so soll das Ganze funktionieren: Über die App der Techniker Krankenkasse soll jeder TK-Versicherte über ein Smartphone bildlich gesprochen auf einen digitalen Datentresor zugreifen können. Auch Arztbriefe und Röntgenbilder sollen in der neuen Gesundheitsakte hochgeladen werden können.

Entwickelt wurde „TK-Safe“ mit IBM Deutschland. Bisher lief die Karte nur im Testbetrieb. Seit Dienstag können sich weitere Versicherte registrieren. Noch in diesem Jahr sollten dann alle Versicherten die Gesundheitsakte nutzen können, wenn sie es wollen und bei der TK versichert ist. Wer das noch nicht sei, könne das jetzt ja noch ändern, scherzte der TK-Chef.

Bislang liegen medizinische Daten dezentral bei Ärzten und Krankenhäusern, Therapeuten und Krankenkassen. In aller Regel kennt der Patient seine Krankendaten mithin gar nicht. Die wenigsten heben Arztbriefe oder Röntgenbilder zu Hause überhaupt auf. Und wenn, erweisen sie sich oft als unauffindbar, wenn sie gebraucht werden.

Dies wird sich mit der Patientenakte nun zumindest für TK-Versicherte ändern. „Sie sehen in Zukunft alles, was wir als Kasse über sie wissen“ sagte Baas. Das sind die vom Arzt verordneten Medikamente genauso wie die Arztdiagnosen und das Geld, das die Krankenkasse für erbrachte Leistungen ausgegeben hat. Mehr Transparenz war nie.

Der Versicherte kann eigene Daten, etwa über auf eigene Rechnung erworbene frei verkäufliche Medikamente hinzuführen. Das kann sinnvoll sein, weil es nicht selten Unverträglichkeiten zwischen vom Arzt verordneten und der sogenannten „Selbstmedikation“ etwa mit Schmerztabletten gibt.

Dazu muss allerdings auch der Arzt die Daten kennen oder das behandelnde Krankenhaus. Das wird er derzeit nur dann, wenn der Versicherte die Daten per Mail übermittelt oder den behandelnden Arzt Einblick in sein Smartphone gewährt. Das Teilen der Patientenakte mit anderen Leistungsanbietern sei derzeit technisch noch nicht möglich.

Doch in Zukunft sollen Ärzte und Krankenhäuser mit Einwilligung der Versicherten auch direkten Zugriff auf die Akte nehmen können, kündigte Baas an. Zu diesem Zweck schließt die TK derzeit bundesweit Kooperationsverträge mit Kliniken.

Als Vorreiter werden direkt zum Start 16 Kliniken des christlichen Gesundheitskonzerns Agaplesion gAG angebunden sein. Weitere Krankenhausbetreiber und Kliniksoftwareanbieter sollen folgen. Sie decken mehr als die Hälfte der Krankenhausbetten in Deutschland ab. TK-Versicherte bekommen ihre Entlassungsdokumente auf Wunsch aus der Krankenhaus-Software direkt in ihre Gesundheitsakte übertragen.

Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender Agaplesion gAG, ist von TK-Safe überzeugt: „Es wird endlich Zeit, einen standardisierten Weg zu finden, auf dem die Behandlungsergebnisse den Patienten zugänglich gemacht werden. Das ist entscheidend für den Erfolg der Weiterbehandlung und bietet einen echten Mehrwert für den Patienten.“

Dabei soll der Versicherte allerdings die Möglichkeit haben, Daten zurückzuhalten. „So muss ein psychologischer Befund nicht jedem Behandler mitgeteilt werden“ sagte Baas. Die Datensouveränität des Versicherten und die Sicherheit der Daten hätten für die TK oberste Priorität, fügte er hinzu.

Dafür soll IBM die Gewähr übernehmen. Die Versichertendaten werden nämlich von TK und IBM Deutschland dreifach gesichert. Die sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung sorgt dafür, dass die Akte ausschließlich auf einem registrierten Smartphone mit dem persönlichen Passwort innerhalb der TK-App eingesehen werden kann.

Gleichzeitig werden die Daten Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Das bedeutet, dass ausschließlich der Nutzer auf seinem Smartphone die entschlüsselten Informationen sehen kann. „Datensicherheit ist ein entscheidendes Akzeptanzkriterium für die Menschen, wenn sie neue digitale Dienste wie die elektronische Gesundheitsakte TK Safe nutzen„, sagt Matthias Hartmann, Geschäftsführer der IBM Deutschland GmbH. „Dies erfordert eine sicherheitsorientierte Infrastruktur.“

Umso bedeutender sei es, mit TK-Safe einen technischen Standard für die Übertragung von Daten im Gesundheitswesen zu schaffen. Bei einem Kassen- oder Arztwechsel bleiben die Daten weiterhin beim Versicherten. Sobald die Telematikinfrastruktur an den Start geht, wird TK-Safe mit dem elektronischen Patientenfach kompatibel sein. Die Daten werden in einem IBM Rechenzentrum in Deutschland gespeichert.

Baas betonte, dass die TK ihre neue Patientenakte nicht als Insellösung nur für TK-Versicherte plant. „Wir wollen den weiteren Ausbau so gestalten, dass die Lösung der TK am Ende auch kompatibel ist, mit der elektronischen Gesundheitsakte, die derzeit die AOK entwickelt.

Man sei dazu mit der AOK auch in sehr konstruktiven Gesprächen. Im Idealfall möchte die Kasse, dass die von der Politik 2005 auf den Weg gebrachte Gematik-Infrastruktur als „sichere Datenautobahn“ genutzt wird, um die Patientendaten an die Leistungsanbieter weiter zu leiten.

Union und SPD planen im Zuge der Fortentwicklung der offiziellen elektronischen Gesundheitskarte für alle gesetzlichen Kassen den Aufbau einer „elektronischen Patientenakte" bis zum Jahr 2021. Gesundheitsminister Jens Spahn will die elektronische Gesundheitskarte, die eigentlich schon vor mehr als zehn Jahren mit ihren Anwendungen zur Verfügung stehen sollte, in den nächsten dreieinhalb Jahren massiv vorantreiben.

Auch er hatte mehrfach betont, dass er bei den Anwendungen keine „Insellösungen" möchte. Das Ministerium erklärte denn auch, „die Interoperabilität" mit den Systemen der Ärzte und Krankenhäuser müsse sichergestellt werden. Die zuständige Gesellschaft „gematik“ erarbeite entsprechende Spezifikationen, Schnittstellen und Zulassungsvoraussetzungen. Bis Ende dieses Jahres sollten die Voraussetzungen für die Einführung einer Patientenakte geschaffen werden.

Die Projekte einzelner Kassen könnten dazu wichtige Impulse liefern, hieß es im Ministerium. Baas sagte, er stimme dem zu. Es dürfe auf keinen Fall fünf verschiedene Patientenakten geben, sonst sei das Thema tot. „Wir müssen dafür sorgen, dass es einen Standard an Akten gibt.“

Der Vertreter von IBM betonte, dass sein Unternehmen bereit sei die nun entwickelte Technik für die elektronische Gesundheitsakte auch jeder anderen Krankenkasse anzubieten. Gefragt nach den Kosten der ganzen Operation sagte Baas, diese seien pro Versicherten so gering, dass man sich darüber keine Gedanken machen müsse. Auf lange Sicht, zeigte er sich überzeugt, wird die Digitalisierung des Gesundheitswesens aber allen Versicherten eine bessere Behandlung zu insgesamt geringeren Kosten ermöglichen.

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