DIHK-Arbeitsmarktreport Fachkräftemangel – deutsche Wirtschaft setzt große Hoffnungen in die Zuwanderung

Der DIHK-Arbeitsmarktreport sieht im Fachkräftemangel eine ernste Gefahr für das Wachstum – und Handlungsbedarf für die neue Regierung.
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DIHK-Arbeitsmarktreport sieht große Gefahr durch Fachkräftemangel Quelle: dapd
Facharbeiter

Für 60 Prozent der deutschen Firmen ist der Fachkräftemangel das Geschäftsrisiko Nummer eins.

(Foto: dapd)

Stuttgart/Berlin.Die Bauwirtschaft boomt. Davon könnte auch der Fensterbauer Gugelfuss aus dem bayerischen Elchingen noch stärker profitieren. Doch das Unternehmen mit 300 Mitarbeitern und 40 Millionen Euro Umsatz musste bereits Aufträge ablehnen. „Wir könnten viel mehr Leute einstellen“, sagt Geschäftsführer Anton Gugelfuss.

Doch er findet keine Techniker, Bauleiter oder Monteure. „Die Wirtschaft brummt, die Konsumbereitschaft ist groß, und die deutschen Unternehmen haben volle Auftragsbücher“, kommentiert Michael Marbler, Partner bei der Unternehmensberatung EY, die Entwicklung. „Allerdings setzt die Situation auf dem Arbeitsmarkt dem Wachstum Grenzen.“ Gerade kleinere Mittelständler, die mit bekannten Großunternehmen um Arbeitskräfte konkurrierten, könnten Stellen oft nur mühsam oder gar nicht besetzen.

Dass der Arbeitskräftemangel zur Wachstumsbremse werden könnte, bestätigt auch der jüngste Arbeitsmarktreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Fast jedes zweite der knapp 24.000 befragten Unternehmen hat Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Vor einem Jahr waren es nur 37 Prozent, vor vier Jahren 24 Prozent.

Für 60 Prozent der Firmen ist der Fachkräftemangel das Geschäftsrisiko Nummer eins. Es gehe hier nicht länger um ein rein betriebswirtschaftliches Thema, mit dem sich einzelne Unternehmen auseinandersetzen müssten, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks. „Nein, der Fachkräftemangel ist inzwischen ein volkswirtschaftlicher Engpass.“

Aus den Daten der befragen Unternehmen rechnet der Verband hoch, dass in Deutschland derzeit rund 1,6 Millionen Stellen nicht besetzt werden können. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zählt in seiner aktuellen Stellenerhebung rund 1,2 Millionen Jobangebote.

Die Differenz erklärt Dercks damit, dass das IAB nur Unternehmen erfasse, die aktiv nach Arbeitskräften suchten. Viele Firmen hätten aber bereits aufgegeben, weil einfach keine qualifizierten Bewerber zu finden seien.

Besonders knapp ist das Personal im Bau- und im Gastgewerbe, in der Sicherheitswirtschaft, der Verkehrs- und Logistikbranche, der Pflege und im Bildungsbereich. Wie von EY-Berater Marbler vermutet, trifft der Mangel vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbeitern. Weil kein geeignetes Personal zu finden ist, fürchtet mehr als jede zweite der vom DIHK befragten Firmen um ihre Wachstumspotenziale. 45 Prozent rechnen damit, ihr Angebot einschränken oder Aufträge ablehnen zu müssen.

Damit wirkten die Personalengpässe weit über die betroffenen Betriebe und Branchen hinaus, warnt Dercks: „Vielfach können ganze Kettenreaktionen entstehen, die volkswirtschaftlich erhebliche Effekte nach sich ziehen und Schlüsselentwicklungen beeinträchtigen.“  Oder die Umsetzung des Koalitionsvertrags der künftigen schwarz-roten Bundesregierung hemmen. Denn wie soll der Breitbandausbau vorangetrieben werden, wenn die Techniker fehlen? Wie soll die Bildungsoffensive gelingen, wenn es kaum noch Lehrer gibt?

Aber woher sollen die Fachkräfte kommen? Unter den noch rund 2,5 Millionen Arbeitslosen sieht der DIHK kaum noch Potenzial, weil den meisten schlicht die benötigten Qualifikationen fehlten. Ansetzen ließe sich bei der Arbeitszeit. So ist die Teilzeitquote laut IAB im vergangenen Jahr mit mehr als 39 Prozent auf einen neuen Höchststand geklettert.

Auch dass die Zahl der Erwerbstätigen mit 44,3 Millionen einen Rekordwert erreicht hat, ist vor allem den Teilzeitkräften zu verdanken. Ihre Zahl nahm im Vergleich zum Vorjahr um 2,1 Prozent zu, die der Vollzeitbeschäftigten nur um 1,5 Prozent.  Flexible Arbeitszeitmodelle und ein Ausbau der Kinderbetreuung könnten helfen, dass junge Eltern ihre Arbeitszeit ausweiten, glaubt Dercks.

Langfristig helfen würde aus Sicht des DIHK auch, die Qualifikation der Schulabgänger zu verbessern und Jugendliche wieder stärker für Ausbildungsberufe zu begeistern. So haben die vom DIHK befragten Unternehmen größere Schwierigkeiten, Kandidaten mit dualer Ausbildung zu finden als Hochschulabsolventen. Auf der anderen Seite haben im vergangenen Jahr rund 150.000 Jugendliche ihr Studium geschmissen.

Auch die digitale Bildung müsse stärker gefördert werden, sagt Bosch-Personalvorstand Christoph Kübel. Das Interesse an mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fächern und insbesondere Informationstechnologie sollte daher von Bildungseinrichtungen wie Kindergarten oder Schule frühzeitig gefördert werden, fordert er. „Der Fachkräftemangel darf nicht zum Hemmschuh für Wachstum werden. Es geht um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland.“

Auch der künftige Heimatminister Horst Seehofer (CSU) ist gefragt. Er muss die Standortattraktivität erhöhen. Welcher Kandidat auf Jobsuche will schon in Regionen, in denen kein Bus mehr fährt und es keinen Supermarkt, keine Schule oder keinen Arzt mehr gibt?  

Seine größten Hoffnungen richtet der DIHK aber auf die gesteuerte Zuwanderung, die Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag versprochen haben. So sollte aus seiner Sicht dringend die Positivliste der Engpassberufe, für die gelockerte Einwanderungskriterien gelten, um die Bereiche Gastronomie und Logistik erweitert werden.

Die Möglichkeit, zur Jobsuche befristet einzuwandern, wünschen sich die Industrie- und Handelskammern nicht nur für Hochschulabsolventen aus Drittstaaten, sondern auch für beruflich Qualifizierte, die Unternehmen verstärkt suchten. Da viele deutsche Ausbildungsberufe im Ausland nicht existierten, müsse die neue Große Koalition zudem ergänzende Qualifizierungsangebote entwickeln, um vergleichbare Abschlüsse zu erreichen.

Allerdings stehe das Fachkräfteeinwanderungsgesetz wohl nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der schwarz-roten Koalition, bedauert Dercks. Dabei ist der Handlungsbedarf da. Denn wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte, wanderten 2016 zwar noch mehr EU-Bürger nach Deutschland ein als aus. Doch der Wanderungssaldo mit den EU-Staaten betrug 2016 nur noch gut 66.000 Personen. Im Vorjahr hatte er noch mehr als dreimal so hoch gelegen.

Weil EU-Bürger nicht mehr so häufig nach Deutschland kommen oder in ihre Heimat zurückkehren, wird es wichtiger, Fachkräfte aus Ländern außerhalb Europas anzuwerben. Bei der Beschäftigung der Flüchtlinge sieht Dercks zwar Fortschritte. So hätten im vergangenen Jahr rund 10.000 von ihnen eine Ausbildung begonnen, gut dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Bis Schutzsuchende helfen könnten, den Fachkräftemangel zu lindern, gebe es aber noch „dicke Bretter“ zu bohren.

Bleibt die Frage, was die Unternehmen selbst tun können, um Abhilfe zu schaffen. Dercks verweist hier auf die rund 60 Milliarden Euro, die deutsche Unternehmen pro Jahr in die Aus- und Weiterbildung investieren.

Allerdings fällt auf, dass die Engpässe gerade in Branchen mit niedrigen Löhnen und harten Arbeitsbedingungen wie in der Pflege oder der Gastronomie groß sind. Es bringe aber wenig, hier die Bedingungen zu verbessern, weil einfach keine Leute zu finden seien, glaubt Dercks.

Ein bisschen mehr könnten sich die Unternehmen aber schon anstrengen, sagt Marika Lulay, Chefin des IT-Unternehmens GFT Technologies aus dem Schwarzwald. Erfahrene IT-Experten seien überall auf der Welt rar und heiß begehrt.

Viele Unternehmen dächten jedoch leider immer noch, sie könnten Fachkräfte wie eine Ware einkaufen. „Jeder will ausschließlich exzellent ausgebildete und erfahrene Mitarbeiter in seinen Projekten einsetzen“, sagt Lulay. Wenn die Wirtschaft bereit wäre, mehr Kompromisse einzugehen und mehr in die Nachwuchsförderung zu investieren, gäbe es auch weniger Fachkräftemangel. 

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7 Kommentare zu "DIHK-Arbeitsmarktreport: Fachkräftemangel – deutsche Wirtschaft setzt große Hoffnungen in die Zuwanderung"

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  • Ich kann den ständig wiederholten "Schmarrn" im "Qualitätsmedium" Handelsblatt schon nicht mehr lesen. Es passt einfach nicht zu den Fakten und der Realität!!!


  • Wenn die "Wirtschaft" Fachkräfte aus den Zuwanderern erwartet, dann wird sie sie wohl erst ausbilden müssen. Warum hört man davon so wenig? Vermutlich weil doch wohl überwiegend die "Falschen" hergekommen sind?

  • Es wird Zeit, dass endlich den qualifizierten und motivierten Menschen, die schon da sind, eine echte Chance gegeben wird. Wer qualifiziert und motiviert ist, kann sich in das jeweilige Sachgebiet einarbeiten. Das geht natürlich nur, wenn das Interesse der Arbeitgeberseite auch wirklich da ist. Davon merke ich nichts. Die unkontrollierte Zuwanderung vor allem junger Männer, die nicht das für die westlichen Gesellschaften notwendige Rüstzeug mitbringen, wird den Fachkräftemangel auch in 10 Jahren nicht beheben, dafür werden Spannungen in der gleichen Altersgruppe vergrößert, wegen des Frauendefizits. Diese Konflikte sind von unserer Elite durchaus gewollt. Es erleichtert die Herrschaft, wenn man die Untertanen mit sich selbst beschäftigt.
    Die Wirtschaft soll endlich einarbeiten, damit kann der größte Teil des selbst verschuldeten Fachkräftemangels mittelfristig behoben werden.

  • deutsche Wirtschaft setzt große Hoffnungen in die Zuwanderung........Die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Wer was kann geht doch nicht nach Deutschland sondern haut von hier ab, wie kann man nur so weltfremd sein. Wer will schon Islamisiert werden, wer junger als 40 ist sollte weglaufen, es geht in den Bürgerkrieg oder eigentlich Bevölkerungskrieg, denn Bürger sind die Anderen nicht, sondern Gäste mit besondern Ansprüchen.

  • Es scheinen also nicht unbedingt die Migranten zu kommen, die wir brauchen. 10.000 Migranten haben im letzten Jahr eine Ausbildung begonnen, bei einem positiven Netto- Wanderungssaldo von einer halben Million... Kein Wunder, wenn man undifferenziert jeden ohne Pass, geschweige denn Qualifikationsnachweis ins Land lässt und unisono als "wertvoller wie Gold", (Schulz) ettiketiert.

    Hinzu kommt, wie in der "Welt" zu lesen war, daß Vermögende und Gutverdiener entweder ganz das Land verlassen oder erwerbstechnisch kürzer treten wegen der hohen Abgabenbelastung.

    Insofern ist diese Entwicklung kaum verwunderlich. Wie würde Schäube sagen: "Wir sind auf einem guten Weg."

  • Dszu bedarf es eines grundsätzlichen Umdenkens in der Einwanderungspolitik, Unsere liberalen Asylgesetze in Verbindung mit der Versorgung im Land ziehen vorallem Menschen mit nicht ausreichenden Qualifikationen an. Auf der anderen Seite sind die Gesetze zur Einwanderung anderer eher abschreckend und bauen hohe Hürden auf. Wir müssen aufhören zu hoffen, dass unter den Flüchtlingen schon genügend Qualifizierbare dabei sein werden, das wird nicht der Fall sein. Wir sollten eher durch die Reform des Asylrechts dafür sorgen, dass solche Fälle schnell und rechtssicher mit entsprechender Umsetzung der Beschlüsse geregelt werden (s. Schweiz). Ansonsten werden unsere Kapazitäten, die wir auch für eine qualifizierte Einwanderung brauchen, von Menschen überbeansprucht, die uns sicher nicht weiter bringen und bei denen der Flüchtlingsstatus in vielen Fällen sehr zweifelhaft ist.

  • Auf Zuwanderung zu setzen, ist der komplett falsche Ansatz. Zum einen entzieht man den Herkunftsländern die selbst dringend benötigten Fachkräfte und zum anderen wird man gar nicht so viele auf diesem Weg erhalten.
    Der wesentlich bessere und zielführendere Ansatz ist ein Bildungssystem im eigenen Land, welches von der Schulbildung angefangen über die handwerkliche Berufsausbildung bis hin zur Ingenieursausbildung die erforderlichen Fachkräfte zur Verfügung stellen kann. Eine entsprechende Reproduktionsrate des eigenen Volkes vorausgesetzt. An dieser Stelle sind sowohl die Politik als auch die Wirtschaft gefordert. Ein zentral einheitliches Ausbildungssystem wäre auch hier wieder zielführender als ein dezentrales.
    Nur sehe ich hier bei und mit unseren "Politgrößen" erhebliche Probleme die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Teilweise will man es auch gar nicht.
    Wir drehen uns an dieser Stelle wieder einmal im Kreis. Eigentlich wissen wir es, wie es funktionieren könnte, aber an der Umsetzung hapert es wieder einmal gewaltig.

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