Dolmetscher
Dumpingpreise bei der Polizei

Ausgerechnet Polizei und Justiz knausern, wenn es um Honorare von Übersetzern und Dolmetschern geht. Heute entscheidet der Bundestag über höhere Honorare. Für viele Betroffene gibt es trotzdem wenig Hoffnung.
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Der Auftrag von der Kölner Polizei klang vielversprechend. Für drei Stunden sollte die Dolmetscherin Adrijana Branković im Januar aus Düsseldorf in die Domstadt kommen, um den Beamten bei einer Telefonüberwachung zu helfen. Es ging um organisiertes Verbrechen auf serbisch-mazedonisch. Um ihren Verdienst machte sich die Balkan-Expertin keine Sorgen. Da die Staatsanwaltschaft den Lauschangriff angeordnet hatte, verließ sich die Dolmetscherin auf das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG). Darin heißt es: „Das Honorar des Dolmetschers beträgt für jede Stunde 55 Euro.“

Doch als Branković kurz darauf ihre Rechnung stellte, erlebte sie eine böse Überraschung: Statt des erwarteten Geldes schickte die Polizei ein Fax. „Ich sollte rückwirkend unterschreiben, dass ich statt 55 nur 38 Euro die Stunde nehme“, schimpft die Dolmetscherin. In dem Schreiben, das dem Handelsblatt vorliegt, ist das Feld für den vereinbarten Stundensatz freigelassen. „Am Telefon sagten die mir, ich solle 38 Euro eintragen, das sei der übliche Satz.“ Branković heißt eigentlich anders. Aber wer in diesem Geschäft offen redet, droht rauszufliegen.

In ganz Deutschland versuchen Beamte, die im Vergütungsgesetz genannten Sätze zu drücken. Dabei stützen sie sich auf eine Ausnahmeregel: Buchen sie einen Dolmetscher häufiger, können sie individuell verhandeln. Auch Gerichte drücken die Preise. An diesem Donnerstag entscheidet der Bundestag über eine Erhöhung der Honorare. Dolmetscher sollen statt 55 Euro künftig mindestens 70 Euro bekommen, wenn sie für Polizei und Justiz arbeiten. Übersetzer sollen für schriftliche Texte höhere Zeilensätze erhalten.

Doch vielen der meist freiberuflichen Polizeidolmetschern bringt die Erhöhung gar nichts. Denn seit einiger Zeit veranstalten die Polizeipräsidien regelrechte Auktionen. Was das bedeutet, berichtet ein Dolmetscher aus Nordrhein-Westfalen: „Ich sollte der Polizei einen Preis für einen Rahmenvertrag nennen. Um meine Chancen zu verbessern, habe ich statt 55 nur 45 Euro geboten. Doch mit diesem Preis war ich einer der teuersten! Also musste ich nachbessern. Bei 27 Euro war ich dann unter den ersten sechs.“ Oder in Bayern: „Wer nicht die Rahmenverträge mit deutlichem Abschlag unterschreibt, ist raus“, berichtet eine Dolmetscherin.

Die Dumpingpreise sind Folge immer strengerer Sparvorgaben für die Dienststellenleiter. In Nordrhein-Westfalen hat das Innenministerium Ende Februar den Druck per Runderlass zusätzlich erhöht: So soll die Polizei „im Sinne einer sparsamen und wirtschaftlichen Haushaltsführung (…) grundsätzlich Ausschreibungen nutzen“ und „Wettbewerb herstellen“. Um diese Vorgabe zu erfüllen, versuchen die Polizeireviere, möglichst mit allen Dolmetschern individuell zu verhandeln. Das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz verkäme damit zur Makulatur.

Kommentare zu " Dolmetscher: Dumpingpreise bei der Polizei"

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  • Woanders organisieren sich die Menschen, hier jammern sie nur und warten auf den "Staat", den es schon lange nicht mehr gibt. Auch hier passiert Austerität, welche die Vernichtung der Lebensgrundlagen der Menschen zum Ziel hat, am Schluß sie die Menschen selber Opfer des Systems.

    Leider haben die wenigsten Menschen gelernt, systemisch zu denken und zu beobachten, um die richigen Schlüsse zu ziehen, damit bleiben sie in der ihnen zugedachten Opferrolle.

    Das "große Zerstörungswerk" nimmt seinen Fortgang.

  • Und dann will Deutschland in der EU bleiben, wenn es noch nicht einmal die Dolmetscher so bezahlen kann, dass die davon leben können? Nach Abzügen ist das ein Hungerlohn einen Freiberufler!

    Schämt Euch Schäuble, Merkel und Konsorten!

  • Die in den Fachverbänden tätigen Kolleginnen und Kollegen versuchen seit Jahrzehnten hier eine Regelung zu finden.
    Es gibt in der BRD zwar ein Vergütungsgesetz, das im Augenblick die Dolmetscher/Übersetzer (D/Ü) unterbezahlt und Ihnen das Überleben oft unmöglich macht, dieses wird von der Polizei oder von anderen Behörden, ja sogar von Gerichten im Rahmen der Ausschreibungen sowie Rahmenvereinbarungen –leider immer noch legal!- unterlaufen. Viele Behörden mit Polizeigewalt wollen daran sparen und vergüten die Reisezeit nicht, ihre Sätze sind ohnehin sehr niedrig.
    Bayern ist hier immerhin mit einem sehr alten und mittlerweile einige Male erneuerten Dolmetschergesetz beispielhaft(er), aber sehr viele Gerichte und Staatsanwaltschaften ziehen örtliche Kräfte heran, die entgegen den allg. beeidigten D/Ü ( § D/Ü) keine staatliche Prüfung abgelegt haben, sie werden vor den Gerichten ad hoc vereidigt, diese hat aber praktisch keinen Wert, weil sie für einen ordentlichen Sachverständigen erforderliche Sachkenntnis anhand Examen/Prüfung gänzlich in den Hintergrund drängt und vermissen läßt, somit werden die teuren und qualitativ guten Staatsprüfungen des Kultusministeriums ad absurdum geführt.
    Die Telekommunikationsüberwachungen (TKÜ) durch solche Kräfte sind vor einem Gericht eigentlich nichtig, jeder Anwalt der sein Handwerk versteht, kann den Beweiswert solcher vernichten, sobald er dies vor einem Gericht in Frage stellt; so werden Verfahren auf Kosten der Steuergelder wiederholt.
    Europäische Richtlinien schreiben aber Adäquanz der Dolmetscher implizit vor. Auch die NRV ist in ihrer jüngsten Stellungnahme für die Einhaltung der Qualität eingetreten. Ob man hier die latente Diskriminierung versteckt und somit den Migranten/fremdsprachigen zu ihren Rechten nicht verhelfen vermag?
    Leon Adoni
    Allg. beeid. D/Ü für Türkisch
    Mitglied im BDÜ und VbDÜ


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