Dramatische Zahlen für Deutschland Einsam und arm – immer mehr Alleinstehende von Armut bedroht

In Großbritannien wurde zuletzt ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingerichtet. Jetzt werden dramatische Zahlen aus Deutschland bekannt.
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Als von Armut bedroht gilt, wer bei unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Quelle: dpa
Ältere Frau in Bayern

Als von Armut bedroht gilt, wer bei unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt.

(Foto: dpa)

BerlinFast jeder dritte Alleinstehende in Deutschland ist von Armut bedroht. Nach den jüngsten Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat waren dies 2016 32,9 Prozent der Alleinstehenden. Zehn Jahre zuvor waren nur 21,5 Prozent aller Alleinstehenden armutsgefährdet.

In den vergangenen Wochen sind soziale und gesundheitliche Folgen von Einsamkeit verstärkt in den Fokus gerückt, nachdem in Großbritannien ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingerichtet wurde. Auf die aktuellen Eurostat-Zahlen machte die Linke im Bundestag aufmerksam.

Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, sagte der Deutschen Presse-Agentur in Berlin, die Betroffenen hätten es sich häufig nicht selbst ausgesucht, alleinstehend zu sein. „Das verpflichtet die Gemeinschaft, diesen Menschen strukturell zu helfen.“

Der Anteil der von Armut bedrohten Alleinstehenden nahm laut Eurostat bereits 2007 auf 27,3 Prozent zu und liegt seit 2011 bei über 30 Prozent.

Experten gehen davon aus, dass insbesondere Ältere mit kleinen Renten oder Grundsicherung betroffen sind, Jüngere auf dem Weg von einer Ausbildung ins Berufsleben und Niedrigverdiener.

Als von Armut bedroht gilt, wer bei unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt, 2016 waren dies 1063,75 Euro pro Monat. Alleinstehende mit einer Beschäftigung waren laut Eurostat zu 17 Prozent armutsgefährdet. Zehn Jahre zuvor waren es nur 10,1 Prozent.

Auch die Gesamtzahl der Alleinstehenden ist in den vergangenen Jahren in Deutschland mit leichten Schwankungen angestiegen und überschritt 2015 die Marke von 16 Millionen. 2016 waren es 16,43 Millionen alleinstehende Erwachsene ohne Kinder. In mehr als zwei von fünf Haushalten leben Alleinstehende (40,8 Prozent).

EU-weit sind nur 32,5 Prozent der privaten Haushalte Alleinstehenden-Haushalte. Auch der Anteil der Armutsgefährdung liegt bei ihnen EU-weit unter dem deutschen Wert, nämlich bei 25,6 Prozent.

Die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Eurostat-Zahlen ausgewertet hat, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Armut breitet sich zunehmend in Deutschland aus. Sie ist da und kann sich nicht verstecken.“ Im EU-Vergleich habe Deutschland einen ausgeprägten Niedriglohnsektor. „Eine neue Bundesregierung muss hier einen Schwerpunkt setzen“, so die stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Sie forderte unter anderem eine Erhöhung des Mindestlohn auf zwölf Euro, ein Verbot von Leiharbeit und von sachgrundlosen Befristungen.

Diakonie-Präsident Lilie machte darüber hinaus darauf aufmerksam, dass viele alleinerziehende Frauen Probleme hätten, mit ihrem Einkommen zurechtzukommen. Alleinerziehende, die zum Beispiel Unterhaltsansprüche nicht durchsetzen könnten und kein Netz von Verwandten hätten, gerieten rasch in eine Abwärtsspirale. „Viele müssen quasi rund um die Uhr arbeiten und sich um die Kinder kümmern“, sagte Lilie. „Soziales Leben findet dann kaum noch statt.“ Eine soziale Notlage gehe so oft mit zunehmender Vereinsamung einher.

Lilie begrüßte, dass sich Union und SPD im Entwurf ihres Koalitionsvertrags zum Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland bekannt hätten. „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“ So seien Kitas heute in vielen Städten mit angespannter Haushaltslage nicht beitragsfrei, während wohlhabende Kommunen beitragsfreie Kitas anböten. Die Politik sei gefordert, beitragsfreie Kitas zu schaffen und Ganztagsbetreuung auch für Schüler auszubauen.

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20 Kommentare zu "Dramatische Zahlen für Deutschland: Einsam und arm – immer mehr Alleinstehende von Armut bedroht"

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  • man könnte über diese Politik nur noch kotzen. An diesem ganzen Rentendesaster zeigt sich die völlige Überfordertheit und Unfähigkeit unserer politischen Kaste. sei denken nur an sich und die eigene Überversorgung. Die armen Renter haben keine große Lobby, die sich für ihre finanziellen Belange einsetzt. Es gibt viele Leute die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, nicht sehr viel verdient hatten, trotzdem aber Steuern gezahlt haben, aber für die eigene Vorsorge langte es eben nicht. Frühe rwaren die Vorsorgefreibeiträge eher bescheiden und wurden in der Regel durch die Krankenkassenbeiträge aufgebraucht. Dann kassierte der staat die Steuer. Eine dann mögliche Altersversorgung mußte aus dem Rest bestritten werden, wenn überhaupt möglich. Ergebnis ist die heute grassierende Altersarmut. Trotzdem werden heute aus Steuermittlen Milliardenbeträge an die Rentenkasse gezahlt. Diejenigen, die aber nur Steuern, aber keine Rentenbeiträge gezahlt haben gehen leer aus. D.h. sie durften zwar Steuern abdrücken, das war's dann aber auch schon. Rente, Fehlanzeige. Ich weiß Sozialamt und all diese völlig entwürdigenden Möglichkeiten. Die Witwenrente ist auch so ein Thema wo sich der Staat als der größte Räuber darstellt. Ein Freibetrag von ca. € 818,-, darüber hinaus wird der Differenzbetrag mit 40% belastet und die Witwenrente gekürzt. Für unsere Politiker und Beamten ist immer alle im Überfluß vorhanden (nicht die kleinen Beamten, die Ministerialbürokratie). Die Altersarmut ist eine Folge einer völlig verkorksten, jahrelangen falschen Politik. Dafür muß kein Politiker haften oder kann zur Verantwortung gezogen werden. Das ist das Problem. Falsche Politik bleibt immer folgenlos.

  • Herr K H,

    da müssen die Leut eben alle "gestandene Politiker" werden - siehe Müntefering, usw.

  • Wenn Menschen arm sind, werden sie gerne vom Partner verlassen oder finden keinen.
    Hinzu kommt, dass ältere Menschen öfters wenig Rente beziehen, gerade Frauen mit höherer Lebenserwartung - wenn der Partner stirbt.
    Damit ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Alleinstehende öfters arm sind.
    ES WÄRE SEHR SCHÖN, WENN ARMUT UND ALTER NICHT SO SEHR BEI DER PARTNERSUCHE EINE ROLLE SPIELEN WÜRDE!

  • Auf die willkürliche Grenze von 60% des Durchschnittseinkommens wurde bereits hingewiesen, ein Anheben der Löhne hilft nicht bei der Verbesserung der Quote weil der Durchschnitt auch steigt.
    Das große Problem bildet die Demographie: wir sind in Europa sowohl bei den Gesellschaften mit hoher Lebenserwartung (gottseidank) aber auch bei den Gesellschaften mit einem stetig steigenden Altenanteil (Kehrseite von niedrigster Geburtenrate). Die Folge sind immer mehr Rentner (die Durchschnittsrente liegt deutlich unter den Durchschnittseinkommen) und wegen der höheren Lebenserwartung der Frauen auch mit weiter steigendem Frauenanteil daran (mit noch niedrigeren Grundrenten und den geringeren Witwenrenten). Die statistische Situation heute ist eher keine Politikfolge und auch nicht dramatischer als die Betrachtung der Vergangenheit. Lediglich die Anzahl hat sich erhöht. Für die tatsächlich Armen wird in Deutschland viel getan, die Armen unter den Rentnern sind allerdings weit unterrepräsentiert.
    Die vorliegende Meldung bedient nur den Alarmismus von Lobbygruppen und politischen Nörglern.

  • Unter der Rubrik "Von Armut bedrohte Alleinstehende" dürften sehr viele der sozialhilfesuchenden Gäste der Kanzlerin fallen. Ich denke, man sollte diese Gruppe getrennt ausweisen da diese Gruppe schlecht vergleichbar ist.

    Des Weiteren denke ich nicht dass man den Menschen mit sozialistischer Regelungswut helfen kann. Eine erhebliche Erhöhung des Mindestlohns würde spätestens mit dem nächsten Konjunkturabschwung zu einem Wegfall eines grossen Teil dieser Jobs führen.

    Was spräche dagegen den Mindestlohn, H4, Sozialhilfe um 1/3 zu reduzieren. Dies könnte viele aktuell Arbeitslose und nicht-vermittelbare Mitmenschen aktivieren. Diese Menschen würden lernen von der eigenen Arbeit zu leben und hätten am Ende häufig mehr Geld als heute aus den Transferzahlungen.

  • Das ist zielgerichtete Statistik der Armutslobbyisten (paritätischer Wohlfahrtsverband etc.) Durch eine Dramatisierung der Zahlen lässt sich gut Angst aufbauen. Dies erhöht dann deren Einfluß und politische Macht. Ergebnis, der Deutsche Staat gibt einen Großteil seines Budgets für Soziales aus. Die Bundeswehr u.a. kommen zu kurz. Es besteht die Gefahr, daß dieses Land, durch das ungute Wirken der Armutslobby, am Ende nicht mehr in der Lage sein wird, geopolitische Aufgaben zu erbringen und Infrastrukturmaßnahmen durchzuführen. Wie soll Deutschland denn in einigen Jahren aussehen? Ist der Plan, das der junge Teil der Bevölkerung dazu herangezüchtet wird, den älteren Teil zu pflegen. Eine Nation die sich aufteilt in Pflegekräfte und Pflegebedürftige?

  • @ Herr Uwe Baden
    13.02.2018, 12:26 Uhr

    ich habe das sehr wohl verstanden. Wenn man zu einer Zahlenreihe in dem Fall oben zwei einfügt, dann liegen mehr unter dem Median. Z.b. 2,3,4 dann ist der Meridian 3, füge ich jetzt 5 und 6 hinzu, ist er bei 4. Erst liegt einer drunter, dann 2. Es werden willkürlich Zahlen festgelegt, unter denen dann Armut(sgefahr) besteht.

  • Anstatt den Mindestlohn kürzen zu wollen, wäre eine Arbeitsmarktpolitik, die den Namen auch verdient, zu fordern.

    Konkret heißt das für mich, die Subventionierung verloren gegangener einfacher Industriearbeitsplätze als Maßnahme im globalen Wettbewerb von Arbeitsplätzen – statt über diese gottverfluchten „Arbeitsmarktförderungen“ den Wettbewerb der Löhne nach unten in Deutschland zu bewerkstelligen.

    Wer der Meinung ist, es sei wirtschaftlich, die einfachen Industriearbeitsplätze im Ausland durch Importe zu finanzieren und sicherzustellen, und stattdessen lieber einfach Qualifizierte über H4 vom Beitragszahler am „Leben“ zu halten, kann mir gern widersprechen.

    Wohin diese seit nahezu Jahrzehnten Unfähigen betriebene Arbeitsmarktpolitik geführt hat, konnte ich vor 1,5 Std. selbst erleben. Ich begegnete einem Araber, der für Hermes die Pakete zustellte. Eine Unterhaltung mit ihm war nicht möglich. Er war bemüht, seinen Job zu machen und das besser als der eine oder andere Deutsche – nur war das wegen der fehlenden Sprachkenntnisse sehr zeitaufwendig für ihn. Die Hilfe, die ich ihm gab, nahm er gerne an – sonst hätte es noch länger für ihn gedauert.

    Klar ist, dass der dabei kaum Geld verdient, wobei ich allerdings nicht weiß, ob Hermes ihn nach Mindestlohn oder Stückzahl bezahlt. Es scheint Hermes jedenfalls völlig egal zu sein, dass man weder sich noch dem armen Mann damit einen Gefallen tut, wenn man ihn ohne Deutschkenntnisse auf „Arbeit“ schickt.

  • "Uns geht es allen gut! Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben'" Auch das Handelsblatt hat diese Wahlkampflügen der Union vor der Wahl nicht entlarvt! Jetzt damit zu kommen, ist heuchlerisch! Auch das Handelsblatt ist seiner journalistischen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen! Warum wohl?

  • Alleinstehende und Armutsgefährdung. Eigentlich nichts neues, oder? Eher locker über 100 Jahre alt. Allein zu leben, das muss man sich leisten können.

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