Drei Schulen im Südwesten unterrichten Chinesisch – und die Wirtschaft hilft
Heng Shu im Ländle

Bedächtig zeichnen die Zeigefinger unsichtbare Striche in die Luft: „Heng“, „Heng“, „Shu“, ruft dazu ein Chor aus zwanzig Mündern. Für ungeübte Ohren klingt es fast ein bisschen nach Harry Potters Zauberschule, was sich an diesem Nachmittag in einem Klassenzimmer des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Ostfildern abspielt.

STUTTGART. Dabei üben die Jungen und Mädchen im Alter zwischen zehn und dreizehn Jahren nur die Schriftzeichen der von den meisten Menschen geschriebenen und gesprochenen Sprache der Welt. Chinesisch an der Tafel und im Heft, das hat in deutschen Schulen immer noch Seltenheitswert.

Die Lehrerin heißt Ju Wang-Sommerer und stammt unzweifelhaft aus China. Sie malt elf Striche an die Tafel. „Xue“, heißt das Zeichen für Schnee, das auf den ersten Blick aussieht wie eine alte Fernsehantenne. Dann versucht der elfjährige Max sein Glück. Das Ergebnis sieht perfekt aus, doch Max hat einen der elf Striche von unten nach oben, „an Stelle von oben nach unten“ gezeichnet, merkt eines der Mädchen penibel an. Haarspalterei?

„Im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen ist es im Chinesischen wichtig, die einzelnen Striche der Schriftzeichen genau in der richtigen Reihenfolge zu schreiben“, erklärt Ju Wang-Sommerer. Sie kommt aus der chinesischen Industriestadt Harbin und lebt seit 13 Jahren in Deutschland. Bisher hat sie Manager in Crashkursen in Chinesisch unterrichtet. Sie weiß, dass nur wenige Menschen in ihrer jetzigen Heimat Deutschland überhaupt wissen, dass Harbin mit fast zehn Millionen Einwohnern die siebtgrößte Stadt Chinas ist und in der Mandschurei liegt.

Wie viele Menschen es in Deutschland sind, das weiß nicht einmal die Deutsche China-Gesellschaft in Karlsruhe. Das konsequente Desinteresse an chinesischer Sprache und Kultur könnte sich in den kommenden Jahren jedoch ändern. Denn vor allem Unternehmen brauchen Mitarbeiter mit chinesischen Sprachkenntnissen.

Die Idee, Chinesisch an der eigenen Schule anzubieten, kam Studiendirektor Willi Fischer in den Wochen nach der Veröffentlichung der Pisa-Studie. „Die Mehrheit unserer Schüler ist besser, als Pisa glauben macht“, sagt der 56-jährige Pädagoge. Zunächst wandte sich Fischer mit der Bitte um Unterstützung ans Kultusministerium in Baden-Württemberg. Doch angesichts leerer Kassen wurde dort schnell klar, dass die Hauptlast der Finanzierung jemand anders tragen müsse.

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