Dresden
IHK-Präsident räumt Stasi-Kontakte ein

Der Präsident der Dresdner Industrie- und Handelskammer (IHK), Hartmut Paul, hat jahrelange Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR zugegeben. Das IHK-Präsidium wurde bereits informiert, sieht aber keinen Anlass für „außergewöhnliche Maßnahmen“.
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HB DRESDEN. Der Präsident der Dresdner Industrie- und Handelskammer (IHK), Hartmut Paul, hat jahrelange Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR eingeräumt. Er habe sich aber nichts zuschulden kommen lassen, sagte der 65-Jährige der „Sächsischen Zeitung“. Die Spitze der IHK kündigte eine Prüfung an. Anlass für weitere Schritte sehe man aber derzeit nicht.

Paul gab an, als Restaurantchef im Ostberliner Fernsehturm regelmäßig Kontakte zur Stasi gehabt zu haben. Dies sei für ihn ein arbeitsmäßiges Verhältnis gewesen. „Ich war immer ein zuverlässiger Leitungskader“, zitierte ihn das Blatt. Der Umgang mit der Stasi habe für ihn dazugehört. „Ich habe immer ruhig schlafen können“, fügte er hinzu.

IHK-Hauptgeschäftsführer Detlef Hamann sagte der AP, Paul habe das Präsidium bereits über die Stasi-Kontakte unterrichtet. Das Gremium habe „derzeit keine Bedenken hinsichtlich der Persönlichkeit von Herrn Paul“. Man müsse den Dingen nun allerdings weiter auf den Grund gehen. Erst dann werde zu entscheiden sein, ob es Anlass für „außergewöhnliche Maßnahmen“ gebe. Ob die Vollversammlung vorzeitig einberufen werden soll, war am Donnerstag noch offen. Turnusmäßig tagt sie erst wieder im April.

Nach Angaben der Zeitung belegen nun freigegebene Akten, dass der Gastronom unter dem Decknamen „Lerche“ auch als Inoffizieller Mitarbeiter geführt wurde. Paul ist bereits seit 1993 Präsident der Industrie- und Handelskammer, die in der Region Dresden für rund 90 000 Unternehmen zuständig ist.

Kommentare zu " Dresden: IHK-Präsident räumt Stasi-Kontakte ein"

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  • Zwar zweifle ich als langjähriges Kammermitglied immer wieder einmal an, ob Nutzen der Mitgliedschaft die Kosten übersteigt. Andere hinterfragen diese Seite natürlich auch. Mitunter frage ich mich aber auch, ob die Kammerangebote nicht leichtfertig ungenutzt geblieben sind. Allerdings gilt das weitaus größere interesse der Frage, wie die Kammer ihre Mitglied vertritt, denn Unternehmen, Unternehmer und Handwerker sind Minderheiten, bei denen pauschal große Taschen vermutet werden, die es zu leeren gilt. Mit dieser Einführung setze ich mich von Diskussionen ab, die das "Dresdener Weltereignis" benutzen, aber die Zwangsmitgliedschaften meinen. Die Kammern haben deutschlandweit Probleme mit der zahlenmäßigen und qualitativen besetzung der Vollversammlungen und der unbezahlten Ehrenämter. Folgerichtig werden Kammern als "Verwaltung" wahrgenommen; und Verwaltungen sind nicht übermäßig beliebt. Nun ereifern wir uns nach 20 Jahren angesichts des Verdachts der Stasi-Mitarbeit. Natürlich ist das Resultat unausweichlich: Der Dresdener iHK-Präsident wird zurück(ge)treten. Auch dieses Resultat ist nicht wirklich bedeutsam. bedeutsamer ist die Frage, ob der Verzicht auf Aktenbewertung hinsichtlich individueller Schuld nicht das Ergebnis der dramatischen Verschiebung der politischen Koordinaten geworden ist. Diese Koordinatenverschiebung hat Filbinger zum Widerstandskämpfer gemacht, Klaus Konrad das bundesverdienstkreuz zugedacht und dafür gesorgt, dass Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz nicht zum Karrierehindernis werden konnte. Aber auch hier ist Mäßigkeit im Urteil dringend geboten, weil die bewertung aus einer völlig anderen Zeit problematisch ist und neben Schuld stets Reue oder Sühne gestanden hat. Trotzdem ist unannehmbar, dass die Koordinatenverschiebung (für die es weitere indikatoren gibt) die Pauschalisierung unvergleichlicher Unrechtshandlungen über bausch und bogen ermöglichen konnte. Der Dresdener iHK-Chef wird nicht auf Grund individueller Schuld zurück(ge)treten, sondern weil ein gesellschaftliches Klima gezielt geschaffen worden ist, das ihn mit Mielkes Kerkermeistern, Mauermördern, Landeskinderverkäufern dgl. gleichsetzen wird. Die Verweigerung der Schulddifferenzierung treibt bemerkenswerte blüten: Das interesse des Pauschalierens unvergleichbarer Schuld war ohne Verzicht auf die strafrechtliche Verfolgung unverjährbarer Straftaten - wie z. bsp. der Mauermorde - undenkbar. Jene, die dieses makabre Spiel getrieben haben oder treiben, tragen Schuld an der Verklärung der DDR-Verhältnisse. Die beispiellose Solidarität mit Sachsens Ministerpräsident zeigt, dass Formalien nicht mehr zum moralischen Totschlag ausreichen. Auch die Diffamierung von Frau Merkel in der FDJ mit bezug auf ihre FDJ-Aktivität wurde nicht erreicht, stattdessen wird sie als eine Möglichkeit des Einbringens unter den komplizierten bedingungen im Unrechtsstaat akzeptiert. Dennoch ist festzuhalten, dass unterlassene Schulddifferenzierung nach 1945 und 1990 die Organisatoren von Verbrechen geschützt und opportunistische oder gezwungene Mitläufer verteufelt hat.

  • Zwar zweifle ich als langjähriges Kammermitglied immer wieder einmal an, ob Nutzen der Mitgliedschaft die Kosten übersteigt. Andere hinterfragen diese Seite natürlich auch. Mitunter frage ich mich aber auch, ob die Kammerangebote nicht leichtfertig ungenutzt geblieben sind. Allerdings gilt das weitaus größere interesse der Frage, wie die Kammer ihre Mitglied vertritt, denn Unternehmen, Unternehmer und Handwerker sind Minderheiten, bei den pauschal große Taschen vermutet werden, die es zu leeren gilt.

    Mit dieser Einführung setze ich mich von Diskussionen ab, die das "Dresdener Weltereignis" benutzt, aber die Zwangsmitgliedschaften meint. Die Kammer haben deutschlandweit Probleme mit der zahlenmäßigen und qualitativen besetzung der Vollversammlungen und der unbezahlten Ehrenämter. Folgerichtig werden Kammern als „Verwaltung“ wahrgenommen und Verwaltungen sind nicht übermäßig beliebt. Nun ereifern wir uns 20 Jahren angesichts des Verdachts der Stasi-Mitarbeit. Natürlich ist das Resultat unausweichlich: Der Dresdener iHK-Präsident wird zurück(ge)treten. Auch dieses Resultat ist nicht wirklich bedeutsam. bedeutsamer ist die Frage, ob der Verzicht auf Aktenbewertung hinsichtlich individueller Schuld nicht das Ergebnis der dramatischen Verschiebung der politischen Koordinaten geworden ist. Diese Koordinatensystemverschiebung hat Filbinger zum Widerstandskämpfer gemacht, Klaus Konrad das bundesverdienstkreuz zugedacht und dafür gesorgt, dass Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz nicht zum Karrierehindernis werden konnte. Aber auch hier ist Mäßigkeit im Urteil dringend geboten, weil die bewertung aus einer völlig anderen Zeit problematisch ist und neben Schuld stets Reue oder Sühne gestanden

    Trotzdem ist unannehmbar, dass die Koordinatenverschiebung (für die es weitere indikatoren gibt) zur Pauschalisierung der unvergleichlicher Unrechtshandlungen über bausch und bogen werden. Der Dresdener iHK-Chef wird nicht auf Grund individueller Schuld zurücktreten, sondern weil ein gesellschaftliches Klima gezielt geschaffen worden ist, das ihn mit Mielkes Kerkermeistern, Mauermördern, Landeskinderverkäufern dgl. gleichsetzen wird. Die Verweigerung der Schulddifferenzierung treibt bemerkenswerte blüten: Das interesse des Pauschalierens unvergleichbarer Schuld war ohne Verzicht auf die strafrechtliche Verfolgung unverjährbarer Straftaten - wie z. bsp. der Mauermorde - undenkbar. Jene, die dieses makabre Spiel getrieben haben oder treiben, tragen Schuld an der Verklärung der DDR-Verhältnisse.
    Die beispiellose Solidarität mit Sachsens Ministerpräsident zeigt, dass Formalien nicht mehr zum moralischen Totschlag ausreichen. Auch die Aktivitäten von Frau Merkel in der FDJ liesen sich nicht mehr diffamieren, sondern werden als eine Form des Einbringens unter den komplizierten bedingungen des Unrechtsstaats akzeptiert. Dennoch ist festzuhalten, dass unterlassene Schulddifferenzierung nach 1945 und 1990 die Organisatoren von Verbrechen geschützt und die opportunistischen oder gezwungenen Mitläufer verteufelt hat.

  • @ Michael Pramann (2)
    „2009 jedoch war wieder ein Treffen dieser "Gilde" geplant. Nur auf ausserordentlichen Druck der Öffentlichkeit wurde es in der HWK Hamburg abgesagt.“

    Wenn zwei das gleiche tun ist es noch lange nicht das selbe. Was lernen wir daraus? Diejenigen, denen man eine „braune Vergangenheit“ vorwirft, werden geschaßt, die rote dagegen ist salonfähig. Dabei kommen beide aus der selben Ecke.

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