Dünnes Fundament
Berlin in Nöten

Attraktiv für Jugendliche und Touristen, Kreative und Investoren - Berlins Anziehungskraft ist ungebrochen. Doch mit seiner wirtschaftsfeindlichen Politik verschleudert der rot-rote Senat dieses Kapital und beschleunigt so den ökonomischen Abstieg.

Was für ein Klang: dieses rhythmische Rattern der Räder, das Klappern der Maschinen, das Auf und Ab der Zylinder in den Fabrikhallen, das Hin und Her der Schwungmassen in den Werkstätten. Als der Filmemacher Walter Ruttmann seinen Film "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" drehte, montierte er Hunderte solcher Szenen aneinander. Das war 1927.

Heute, beinahe 80 Jahre später, ist die Sinfonie Berlins allenfalls der stampfende Lärm des Technobeat auf der Love-Parade; der Rhythmus der Arbeit ist in Berlin verstummt: Die Industrie- und Arbeiterstadt ist nahezu verschwunden, wildes Partytreiben kaschiert kaum die wirtschaftliche Misere dahinter.

Nicht, dass die Hauptstadt nicht attraktiv wäre. Ganz im Gegenteil: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" - das war nicht nur der Slogan dieses WM-Sommers. Berlin ist ein weltweiter Magnet und zieht in Massen junge, neugierige Menschen, kreative Professoren, Forscher und Tüftler an.

In den hippen Vierteln mit den günstigen Mieten wohnen Gründer von kleinen Software-Unternehmen und Werbeagenturen, Galeristen und Künstler, und das Nachtleben in der Hauptstadt ist so schrill wie in den Zwanzigern.

Die Folge: Seit 2001 überwiegt in Berlin wieder die Zahl der Zugezogenen die der Abwanderer. Der Anteil der 18- bis unter 25-Jährigen an Berlins Bevölkerung ist in den vergangenen zehn Jahren von 7,6 auf 8,8 Prozent gewachsen. Mehr als 140 000 Studenten, so viel wie in keiner anderen deutschen Stadt, studieren an den Berliner Universitäten und Fachhochschulen.

Auch die Touristen kommen in Scharen. Mit großem Abstand vor München führt Berlin die Liste der bevorzugten deutschen Reiseziele an. Schon im vergangenen Jahr erreichte der Berlin-Tourismus mit 14,6 Millionen Übernachtungen einen neuen Rekordwert - ein Zuwachs von 27 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Das ist auch ökonomisch wichtig: Mehr als sechs Milliarden Euro lassen die Gäste in der Stadt. Besonders stark nimmt die Zahl der ausländischen Besucher zu, inzwischen kommt schon mehr als jeder dritte Gast aus dem Ausland.

Auch für Investoren ist Berlin auf einmal wieder attraktiv. Vor allem Amerikaner, Briten und Iren haben die Hauptstadt entdeckt. Sie investieren allerdings nicht in Fabriken, sondern kaufen Mietshäuser und Bürogebäude, Grundstücke und Hotels. Berlin gehört in Europa zu den Städten mit den niedrigsten Immobilienpreisen und den höchsten Renditen. Ein Quadratmeter in Top-Lage, der in London 15 000 Euro kostet, ist hier für ein Zehntel zu haben. Fast 25 000 Verkäufe (ohne Wohnungsunternehmen) mit einem Wert von etwa neun Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr registriert, ein Zuwachs von fast 40 Prozent. Und auch für dieses Jahr rechnet die Branche mit einem Plus.

Das ist die strahlende Seite der Hauptstadt, die die Berliner Politik mit geballter Marketingpower verbreitet und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vorlebt: Endlich wieder Metropole, jung und lässig, endlich wieder Glanz, "arm, aber sexy".

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