Düsseldorfs Oberbürgermeister
„Ich bin nicht der Grüß-August"

Nach schwerer Krankheit ist Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin gestorben. Fast neun Jahre war er im Amt. Mit unbändiger Energie und Willensstärke hat er seine Stadt schuldenfrei und damit zukunftsfest gemacht. Wie ein Unternehmen ließ Erwin die Stadt als erste Kommune Deutschlands von der Ratingagentur Moody's bewerten.

DÜSSELDORF. Es ist offenbar schon länger her, dass hier mal jemand aufgeräumt hat: der Schreibtisch, der Besprechungstisch, sogar der Boden – übersät sind sie mit Akten, Briefen, Unterschriftenmappen, jeder Quadratzentimeter Ablagefläche wird ausgenutzt. Selbst auf dem schwarzen Ledersofa neben der Tür türmt sich Papier. Für Besucher muss der Hausherr erst einen Sitzplatz schaffen.

„Einmal im Monat mach' ich hier Ordnung“, sagt der Mann, dem das Büro gehört: Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU). Doch lange dauert es nie, und dann ist der Eindruck im Raum wieder wie zuvor: Hier wird nicht repräsentiert, hier wird gearbeitet.

Mit Repräsentieren allein gab sich Erwin nie zufrieden: „Ich bin doch nicht der Grüß-August. Als Oberbürgermeister können Sie heute nicht mehr nur als Blümchenüberreicher arbeiten.“ Sein Selbstverständnis sah ganz anders aus als etwa das seines OB-Kollegen in Düsseldorfs rheinischer Konkurrenzstadt Köln: „Ich bin der CEO eines mittelständischen Unternehmens mit drei Milliarden Euro Jahresumsatz“, sagte Erwin.

Knapp neun Jahre führte Joachim Erwin Düsseldorf. In der Nacht zum Dienstag ist er im Alter von 58 Jahren gestorben. Deutschland hat einen seiner umtriebigsten Oberbürgermeister verloren – und die Stadt Düsseldorf eines seiner erfolgreichsten Oberhäupter.

Joachim Erwin habe Düsseldorf „zu einer der besten Visitenkarten“ Nordrhein-Westfalens gemacht, sagte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). Die SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft würdigte Erwin als einen streitbaren und unverwechselbaren Politiker: „Seine Lebensleistung verdient großen Respekt“, sagte Kraft.

In der Tat: In der Ära Erwin erlebte die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens einen Boom. Während Nachbarkommunen über Stadtflucht klagten, stieg in Düsseldorf die Einwohnerzahl auf rund 580 000. Auch die Zahl der Firmen und der Arbeitsplätze legte zu. Die Kaufkraft der Einwohner ist überdurchschnittlich hoch, ebenso ihre Zufriedenheit, bescheinigen Untersuchungen von Unternehmensberatungen.

Siebenmal hat die Stadt in den vergangenen Jahren die Grundsteuer gesenkt, dreimal die Gewerbesteuer. 2007 überschritten die Einnahmen aus der Gewerbesteuer erstmals die Milliardengrenze. Bis dahin galt das nur für München und Frankfurt.

Erwin nutzte das für eines seiner liebsten Projekte: Düsseldorfs Kommunalhaushalt ist ausgeglichen. Und seit September 2007 ist die Stadt schuldenfrei. 1,6 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten baute Erwin ab. „Wäre Düsseldorf ein Unternehmen, wären wir längst im Dax“, sagte der OB, der oft gern von „Dividendenrendite“ und „Assets“ sprach und im Gespräch Zeitungen wie die „International Herald Tribune“ zitierte.

Wie ein Unternehmen ließ Joachim Erwin die Stadt als erste Kommune Deutschlands von der Ratingagentur Moody's bewerten. Die Bonitätsprüfer gaben der Stadt eine AA1, die zweitbeste Note überhaupt, die sonst Unternehmen bekommen, die Milliardengewinne erwirtschaften. Die solide Haushaltspolitik und die gute Wirtschaftsentwicklung gaben laut Moody's den Ausschlag.

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