Egon Bahr ist tot
Leise, aber hartnäckig

Er hatte ein Lebensthema: die deutsche Einheit. Dafür nahm die SPD-Größe Egon Bahr auch in Kauf, wochenlang am Hasspranger in Deutschland zu stehen. Nun ist der Architekt der deutschen Ostpolitik gestorben. Ein Nachruf.
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BerlinEine Packung Marlboro und eine Thermoskanne mit Filterkaffee fehlten nie auf Egon Bahrs Schreibtisch im Berliner Willy-Brandt-Haus. Ehe er auf Fragen seines Gegenübers reagierte, nahm er einen Zug von seiner Zigarette, trank einen Schluck Kaffee – und schwieg. 30 Sekunden lang, oder auch mal eine Minute. Seine Antworten waren dann präzise und druckreif. Bis zuletzt analysierte er die politische Entwicklung klug und nachdenklich. Warnte davor, Putin zu isolieren, hielt aber immer auch kritische Distanz zu Russland.

„Tricky Egon“, wie er gerne genannt wurde, beherrschte wie kaum ein Zweiter das Spiel mit feinsten sprachlichen Nuancen. Geschult hatte er es in endlosen geheimen Verhandlungsrunden mit den Emissären Moskaus, Warschaus oder Ost-Berlins. Stets konziliant, oft mit feiner Ironie erklärte er seine Sicht der Dinge. Auf die Frage des Handelsblattes, ob man Putin trauen könne, hatte er im August vergangenen Jahres eine knappe und schöne Antwort parat: „Ich kenne ihn nicht persönlich.“

Egon Bahr wäre am liebsten Musiker geworden, doch das galt seiner Familie als brotlose Kunst. Keine Zukunft für Egon! Dochd er hatte noch ganz andere Talente. „Ich bildete mir ein, schreiben zu können“, sagte Bahr einmal. Das Talent war nicht nur eingebildet. Er schreibt für verschiedene Zeitungen, landet schließlich in Berlin beim Rias, dem „Rundfunk im amerikanischen Sektor“. Er wird Chefredakteur und eine bekannte und wichtige politische Stimme.

Im zerstörten und zerrütteten Nachkriegsberlin drängt sich dem Journalisten schnell sein Lebensthema auf: die deutsche Frage. Bahr tritt 1956 in die SPD ein. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt macht ihn 1960 zum Pressesprecher des Senats. Der Beginn einer großen Freundschaft. Bahr begleitet Brandt dann 1966 in der Großen Koalition ins Auswärtige Amt und war ab 1969 auch im Bundeskanzleramt an dessen Seite.

Kommentare zu " Egon Bahr ist tot: Leise, aber hartnäckig"

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  • Leider verlassen uns all die, die noch großen Anstand hatten.
    Solche Politikr bräuchten wir wieder. Denn die Enkel und Urenkel taugen ja leider nichts, so sagte Willy Brandt mal.
    Egon Bahr wird in Erinnerung bleiben

  • Der Egon hat sich rechtzeitig vom Acker gemacht
    und sich erspart, was uns noch blüht.

  • Ich schließe mich den Vorrednern in allen Belangen an!!

    Aber werden denn nicht die aktuellen SPD Größen wie Gabriel, Oppermann etc. nicht ebenfalls als Vordenker, Protagonisten, Pragnatiker oder Visionäre in die Analen der Süd-Ost- Griechenland Politik eingehen??
    Meine Antwort steht schon mal fest: Bei mir nicht !!

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