Egon Bahr über Willy Brandt
„Er war ein Glücksfall in seiner Zeit“

Der Vertraute des früheren Bundeskanzlers sprach 2013 in einem Interview mit dem Handelsblatt über die große Koalition, die Ostpolitik, menschliche Schwächen und Charisma.
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BerlinIn der Nacht zu Donnerstag ist Egon Bahr im Alter von 93 Jahren gestorben. Handelsblatt Korrespondent Klaus Stratmann traf den Vordenker im Oktober 2013 zum Interview.

Egon Bahr sitzt in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus. Auf dem Schreibtisch steht eine große Thermoskanne mit Kaffee, daneben liegt eine Schachtel Marlboro. Bahr, Jahrgang 1922, spricht konzentriert und formuliert druckreif.


Ihre Partei hat in Zeitungsanzeigen für den Koalitionsvertrag geworben. In den Anzeigen heißt es, der Vertrag mit der Union sei „brauchbare Grundlage“ für die Regierungsarbeit. Stimmen Sie dem zu?
Ja.

Dem Text der Anzeigen ist ein Zitat von Willy Brandt vorangestellt: „Das Wesen der Politik ist der Kompromiss, aber Kompromisse mit Sozialdemokraten sind die besseren Kompromisse.“ Ist es angemessen, das Brandt-Zitat im Zusammenhang mit dem Koalitionsvertrag zu benutzen?
Es ist jedenfalls hinreichend humorvoll, das Zitat in diesem Kontext zu verwenden.

Was meinen Sie: Wie hätte Willy Brandt die aktuelle Situation bewertet?
Ich fühle mich relativ sicher in der Annahme, dass Willy Brandt heute nicht anders denken würde als früher. Dem Sinne nach hat er gesagt, dass die SPD als Partei länger existieren werde als jede Regierung. Deshalb war für ihn der Auftrag an die Partei, ihre Fähigkeit nicht zu verlieren, den Anspruch auf die Führung des Landes zu erheben. Das heißt, sie darf nicht zu einem bloßen Anhängsel der CDU werden. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er das heute anders sehen würde.

Besteht nicht gerade die Gefahr, dass die SPD sich von der Union, mit Kanzlerin Merkel an der Spitze, unterbuttern lässt?
Ich weiß, dass der gegenwärtige Vorsitzende der SPD sich der unterschiedlichen Möglichkeiten bis in jede Einzelheit hinein und damit seiner Verantwortung voll bewusst ist. Der Kompromiss, den der Koalitionsvertrag darstellt, kann nicht zu hundert Prozent den Positionen der SPD entsprechen. Gabriel hat nicht die Auswahl unter guten, besseren, schönen Entscheidungen, sondern er muss das geringere Übel wählen.

Der Prozess der Regierungsbildung ist engstens verwoben mit dem Mitgliederentscheid der SPD. Ist das gut für die Demokratie?
Ich klage nicht über die Realitäten von heute. Ich kann nur sagen, eine Auffassung, die darauf hinausgeht, dass ein solcher Mitgliederentscheid gegen die Idee der repräsentativen Demokratie ist, halte ich für unsinnig.

Der Mitgliederentscheid wird als Zeichen von Transparenz und Offenheit erklärt. Müssen starke Parteichefs es nicht riskieren, selbst Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen?
Es kommt auf die Situation an. Und die ist heute unvergleichbar mit allen Situationen nach den Bundestagswahlen seit 1949. In dieser Situation die Methodik zu wählen, mehr Demokratie zu wagen, ist nichts Böses, zugleich aber eben ein Wagnis. Wie auch immer es ausgeht, die SPD wird wissen, richtig mit dem Ergebnis umzugehen. Am Ende könnte es ein genialer Weg sein, das Selbstverständnis der SPD zu schärfen.

Was macht die Lage so unvergleichbar?
Eine Partei mit langer Parlamentstradition ist rausgefallen, zugleich steht eine andere Partei, nämlich die Linke, völlig unerwartet vor der Situation, stärkste Oppositionspartei zu sein und mit einem Vertreter an die Spitze des Haushaltsausschusses zu rücken. Die Linke, und auch das ist in dieser Form neu, wird „parlamentarisiert“. Bis 2017 wird sich zeigen, welche Folgen das hat. Das Wahlergebnis hat diese Normalisierung der Linken mit bewirkt.

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„Das war 40 Jahre und länger richtig“

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