Ehrung
Ein Stück Mauer für den Kanzler der Einheit

Vor dem berühmtesten Bungalow im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim hat ein Stück deutscher Geschichte seinen Platz gefunden. „Bild“-Chef Diekmann hat Altkanzler Helmut Kohl das letzte Stück Berliner Mauer geschenkt.
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LudwigshafenBei der Frage, was er mit dem Bau der Berliner Mauer verbinde, zuckt der 15 Jahre alte Michael Hacker mit den Schultern. „Das ist eben Geschichte“. Der Bau der Mauer, die Berlin für fast 30 Jahre teilte, ist für den Schüler des Ludwigshafener Max-Planck-Gymnasiums nicht mehr recht vorstellbar. „Mit dem Mauerfall verbinde ich Freiheit“, sagt sein Mitschüler Pascal Mayer. „Ich bin dankbar, dass wir so etwas heute nicht mehr haben.“

Dank, das war auch das Stichwort, warum rund einhundert Schüler, viel Presse und eine Handvoll Nachbarn am Dienstag vor dem wohl berühmtesten Bungalow des Ludwigshafener Stadtteils Oggersheim standen. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann war gekommen, um Altkanzler Helmut Kohl (CDU) für die Wiedervereinigung zu danken. Der Zeitungsmann überbrachte ein besonderes Geschenk: Ein 2,7 Tonnen schweres und fast 3,60 Meter hohes Stück der Berliner Mauer.

„Wir wollen heute dem Kanzler der Einheit Danke sagen“, betonte Diekmann bei der kleinen Feier vor dem Hause Kohls. In wenigen Tagen jähre sich zum 50. Mal der Jahrestag, an dem die Berliner Mauer gebaut wurde. „Ein Stück Berliner Mauer, das ist das Symbol für Unterdrückung, Unfreiheit und Tyrannei“, sagte Diekmann. Zugleich sei ein Teil der Mauer aber auch noch etwas anderes: „das Symbol ihrer eigenen Überwindung.“

Es habe ihn immer gestört, dass von der Mauer in Berlin praktisch nichts mehr zu sehen sei. „Wenn man nichts mehr sieht, erinnert man sich auch nicht mehr“, warnte er. Vor drei Jahren habe er deshalb gut 30 Stücke der alten Mauer gekauft, sagte Diekmann der Nachrichtenagentur dapd. Ein Bauunternehmer im Berliner Stadtteil Teltow hatte damit seine Kiesgruben eingezäunt. Inzwischen sind die Mauerteile über ganz Deutschland verteilt, jedes Bundesland erhielt eines, ebenso der damalige russische Präsident Michael Gorbatschow und sein amerikanischer Kollege George Bush Senior.

Das letzte der Mauerstücke, verziert mit lila-grünem Graffiti, steht nun vor Kohls Bungalow in Oggersheim. Helmut Kohl selbst war gerührt: „Das ist ein großartiges Geschenk“, sagte der 81-Jährige, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Für ihn stehe das Mauerstück für zweierlei: Für das Gute der Überwindung und für das Schreckliche, dass es vorher gab. Eine ganze Generation habe mit der Mauer leben müssen, nun erinnere ihn das Stück daran, „wie glücklich ich war, dass wir die Wiedervereinigung erreicht haben.“

Und dann wandte sich der Altkanzler direkt an die etwa einhundert Schüler, die zu der Feier nach Oggersheim gekommen waren. Neben den Gymnasiasten waren das drei vierte Klassen der Rupprecht-Grundschule, auf die Kohl selbst einmal gegangen war. „Ihr kennt kein geteiltes Land mehr“, sagte er zu den Kindern: „Ich wünsche Euch, dass das immer so bleibt und dass keiner von Euch einen Krieg erlebt.“ Dafür allerdings, so mahnte er weiter, müsse man arbeiten, „deshalb bitte ich Euch: Ihr habt alle Chancen eines Lebens in Frieden und Freiheit, das soll Euch Kraft für die Zukunft geben.“

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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