Eichels Pläne und ihre Wirkungen
Börsianer skeptisch: Steuerreform könnte verpuffen

In einem Punkt sind sich die Finanzmarktexperten einig: Das Vorziehen der Steuerreform ist prinzipiell ein richtiger Schritt. Doch ob er so viel bringt wie erwartet, ist höchst umstritten.

rtr FRANKFURT. Das von der Bundesregierung angekündigte Vorziehen der dritten Steuerreformstufe bewerten Börsianer überwiegend als richtigen Schritt für mehr Wachstum in Deutschland. Uneins sind sich Anlagestrategen und Analysten allerdings, welche Branchen und Unternehmen von den erwarteten Entlastungen für die Konsumenten und die mittelständische Wirtschaft profitieren dürften. Einige Börsianer zweifeln sogar, ob die Steuersenkungen überhaupt die Konjunktur ankurbeln. Sie befürchten, dass der Entlastungseffekt wegen der traditionell ausgeprägten Sparneigung der Bundesbürger verpuffen könnte und am Ende nicht in mehr Investitionen und Konsum mündet.

Während viele Aktienhändler in der Hoffnung auf höhere Ausgaben der Verbraucher vor allem konsumnahe Werte wie den Einzelhandelskonzern Metro oder das Reiseunternehmen TUI empfehlen, raten andere Börsianer zum Kauf von Finanz- und Technologiewerten. Diese hätten nach der dreijährigen Talfahrt an den Börsen - trotz der jüngsten Kurssprünge - weiterhin das größte Erholungspotenzial und könnten überproportional anziehen, falls die Steuerentlastung die lahmende deutsche Konjunktur stimulieren. Auch Autoaktien werden von den Experten immer wieder zum Kauf empfohlen.

Händler wie Raed Mustafa von der BW-Bank und der Commerzbank-Aktienstratege Rolf Elegti empfehlen vor allem konsumnahe Werte. Diese würden an der Börse zu den stärksten Gewinnern zählen, wenn der private Verbrauch ab 2004 merklich anziehe. Die Bundesregierung will die ursprünglich für 2005 geplante dritte Stufe der Steuerreform auf 2004 vorziehen, um der stagnierenden Wirtschaft neue Impulse zu verleihen.

Die Berliner Koalition plant dabei, die Steuerentlastung zu zwei Dritteln durch neue Schulden zu finanzieren. Hinzu kämen Beteiligungsverkäufe und der Abbau von Subventionen. Am Markt wird die Finanzierung über neue Schulden positiv gesehen, weil ein höherer Schuldenanteil des Staates unter dem Strich eine stärkere Gesamtentlastung den privaten Haushalte bringe.

Einige Anlagestrategen bezweifeln jedoch, dass es einen großen Effekt geben wird. „Es kann sein, dass die Leute das Geld, das sie zusätzlich zur Verfügung haben, nicht ganz ausgeben, sondern wegen der bestehenden Arbeitsplatzunsicherheit sparen“, erklärt Franz Wenzel von den Axa Investment Managers. Auch Michael Hüther, Chef-Volkswirt der DekaBank, prophezeit, dass der Nachfrageeffekt deutlich hinter dem Entlastungseffekt zurückbleiben wird. Dieses Phänomen könne man immer wieder bei Steuersenkungen beobachten, sagte er. „Die Steuerentlastungen bringen zwar einen Impuls für den Einzelhandel, werden aber nicht die strukturellen Probleme der Branche wie den Preisverfall und den starken Verdrängungswettbewerb beheben können“, fügte Hüther hinzu.

Am Markt werden zudem Automobil-Produzenten wie BMW, DaimlerChrysler und Volkswagen Sympathien entgegen gebracht. Sollte die Steuerreform die Konjunktur anschieben, dürften die Verkaufszahlen der Hersteller wieder anziehen, so die überwiegende Meinung. „Die derzeit fahrenden Autos sind im Schnitt älter als sieben Jahre und damit ein Jahr älter als im langjährigen Schnitt, was den Ersatzbedarf unterstreicht“, erklärte Analyst Henrik Lier von der WestLB Panmure. Vor allem auf dem wichtigen und hart umkämpften US-Markt versuchen die Autofirmen seit längerem mit attraktiven, aber margendrückenden Preisnachlässen die Verkaufszahlen stabil zu halten, um keine Marktanteile zu verlieren.

Auch die in der Börsenbaisse der vergangenen Jahre besonders stark unter Druck geratenen Finanz- und Technologiewerte werden von den Experten wieder zum Kauf empfohlen. Sie hätten das größte Erholungspotenzial, wenn die Börse sich tatsächlich nachhaltig zum Besseren entwickele, heißt häufig in den Handelsräumen der Banken. „Die Konsumentenkredite werden bei einer steuerlichen Entlastung wieder besser laufen“, ergänzte der Stratege Elgeti. Außerdem dürften sich die Handelsergebnisse wieder verbessern und die Wertberichtigungen auf eigene Aktienbestände sowie die Risikovorsorge für faule Kredite, die der Branche zuletzt stark zugesetzt hatten, normalisieren.

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