Ein Brief an die alte und neue Kanzlerin
Warten auf das Merkel'sche Wirtschaftswunder

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

vielleicht erinnern Sie sich noch: Als Ihr großes Koalitionsabenteuer vor vier Jahren begann, hatten wir Ihnen an dieser Stelle eine Eröffnungsbilanz präsentiert: zwölf Statistiken, die Deutschland den Puls fühlten.

Zwölf Statistiken, die illustrierten, wie es um unsere Gesellschaft und Wirtschaft bestellt war.

Zwölf Statistiken, die als Messlatte dienen sollten, um Ihrer Arbeit als Kanzlerin nach vier Jahren ein Zeugnis auszustellen.

Zwölf Statistiken, die für die vier Regierungsjahre Wege wiesen.

Am Sonntag haben die Wähler Ihnen ihr Zeugnis ausgestellt. Per Kreuzchen auf Papierbögen, die ungefähr so lang waren wie eine gedruckte Seite des Handelsblatts. Nun liegt das Ergebnis vor, und es scheint, als hätten wir Deutschen Sie erneut damit betraut, zu regieren, uns vier weitere Jahre zu führen – wahrscheinlich in einer schwarz-gelben Koalition mit Guido Westerwelle.

Wie auch immer es kommt, wie auch immer Sie Ihre Macht organisieren und in Zukunft zu festigen gedenken: Wir wünschen Ihnen Freude am Regieren, denn Freude werden Sie brauchen angesichts der neuen Eröffnungsbilanz, die wir für Sie zusammengestellt haben.

Es ist das Datenblatt eines Kranken, das hier vor Ihnen liegt. Wachstum, Haushaltsdefizit, Staatsverschuldung, Staatsquote, Investitionen, Arbeitslosigkeit, Zahl der Beschäftigten: Wo sie nach oben gehen sollten, stürzen die Werte ab, und wo es nach unten gehen sollte, schnellen die Zahlen in die Höhe.

Es ist ein ziemlich hässliches Gemälde, was wir Ihnen hier präsentieren müssen.

Dabei hat alles so gut begonnen, damals, nach jenem 22. November 2005, an dem Sie zur Kanzlerin gewählt wurden. 2006, 2007 und 2008 ging es voran, die Kurven und Balken Ihrer Eröffnungsbilanz strebten in die Richtung, in die sie sollten.

Kurz vor der Bundestagswahl vor vier Jahren hatten Sie noch – gemünzt natürlich auf Ihren damaligen Gegner Gerhard Schröder – behauptet, dem Land gehe es schlechter als jemals zuvor. Nun sieht die Bilanz 2005 aus wie die eines Wirtschaftswunderlandes – jedenfalls im Vergleich zu 2009.

Aber Sie hatten ja nicht ahnen können, was dann über Sie und über uns kommen sollte. IKB, AIG, Lehman Brothers: das, was vor nicht allzu langer Zeit damit begann, dass irgendwo im fernen Amerika Menschen mit Geld Menschen ohne Geld eine halbe Million Dollar für ein Haus liehen, obwohl die die halbe Million nie würden zurückzahlen können. Das, was damit weiterging, dass Menschen – viele Banker, aber längst nicht nur – solche „Vermögenswerte“ wie einen Kettenbrief weiterverteilten an andere Menschen, die Gewinn machen wollten und auch mussten, weil ihre Chefs das forderten.

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