Ein Brief an die Bundekanzlerin
Liebe Frau Dr. Merkel...

Zwei Jahre Große Koalition: Das aus der Not geborene Regierungsbündnis hat die erste Halbzeit ohne große Blessuren überstanden. Das Handelsblatt nimmt dies zum Anlass, ein paar Worte an die Kanzlerin selbst zu richten. Wir haben ihre Ergebnisse mit ein paar Strichen mal kurz bilanziert. Und ein paar Tipps fürs Weiterregieren gibt es auch noch.

Liebe Frau Dr. Merkel,
liebe Frau Bundeskanzlerin,

Sie haben es geschafft. Sie haben die Halbzeit des großen Spiels ohne Knochenbrüche und Platzverweise erreicht. Nun ja: fast – wenn wir die Herausnahme ihres Vizecaptains, Franz Müntefering, außer Betracht lassen. Und dazu fühlen wir uns berufen, immerhin war er Mitglied Ihres Teams und nicht etwa des gegnerischen. Oder irren wir uns? Wenn ja, dann wären Sie schon in der Halbzeit des ganz großen Koalitionsspiels entschlossen, keine 90 Minuten durchzuspielen?

Wir wollen Ihnen diese Frage gar nicht so direkt stellen. Denn wir wissen ja, dass es zu Ihrer Taktik gehört, von hinten nach vorne zu denken, wie man ja auch im Fußball von hinten nach vorne spielt – und nicht etwa umgekehrt. Obwohl: Das wäre mal eine höchst verblüffende, extrem verwirrende Taktik für den Gegner, den sie in tiefste Orientierungslosigkeit stürzen würde. Einerseits.

Andererseits hätte die Idee, mal wieder von vorne zu beginnen, in der Minute null sozusagen, durchaus einen Reiz. Womöglich besteht der darin, dass Ihr Spiel zuletzt doch eher wie eine zwar souveränere, aber doch auch ärgerliche Variante des rot-grünen Geschiebes wirkte. Auch Ihre rot-schwarz gestreiften Trikots haben es in sich. Zwar erinnern die erfreulich an Eintracht – gell, Herr Jung, Se wisse scho, welsche Eitraocht do gemaint is? -, doch nicht die ganze Welt dreht sich um Frankfurt und die Börse.

Zum Beispiel ist da noch der FC Arbeit. Wir haben mal bewusst die Laufstatistiken der „Linken“ auf dieser Seite vergessen. Weil die so bedingungslos auf Angriff spielen. Aber in der Halbzeitpause – zehn Minuten und nicht länger – müssen Sie Ihre eigenen Reihen schon etwas auf Vordermann bringen. Wir haben Ihre Ergebnisse mit ein paar Strichen mal kurz bilanziert, wie wir Ihnen das vor genau zwei Jahren an dieser Stelle versprochen hatten. Die nächsten Jahre können Sie ja selbst ausfüllen – malen nach Zahlen, ein Kinderspiel, kennen Sie sicher.

All die schönen Zahlen sind natürlich relativ. Bei der Reallohnentwicklung stehen wir seit 2000 in der Champions-League auf dem letzten Platz, hinter Großbritannien und, nun denn: Frankreich – und noch schlimmer: Italien. Bei den Arbeitsplätzen schießt die Zahl der Leiharbeiter nach oben, gefolgt von den Minijobs ohne und mit Nebenjob. Aber über solche Misslichkeiten in der Spielanlage wollen wir heute schweigen, schließlich gilt es, Ihnen zur Halbzeitbilanz zu gratulieren. Doch unterm Strich: Sozial ist nicht, was Arbeit schafft – sozial ist, was Arbeit und Steuern schafft. Über den blöden Aufstieg der Arbeitsplätze ohne Sozialversicherung reden wir auch deshalb ein anderes Mal. Wenn es noch viel mehr zu feiern gibt.

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