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Ein Jahr nach Wulffs Rücktritt: Tiefer Sturz und noch kein Ende

Vor einem Jahr ist Christian Wulff als Bundespräsident zurückgetreten. Und es folgten weitere Tiefschläge – von den Ehrensold-Debatten bis zum Ehe-Aus. So tief wie Wulff ist noch kein deutscher Politiker gefallen.

Bundespräsident Christian Wulff erklärt am 17. Februar 2012 im Schloss Bellevue seinen Rücktrittspricht – Frau Bettina steht ihm noch bei. Quelle: dpa
Bundespräsident Christian Wulff erklärt am 17. Februar 2012 im Schloss Bellevue seinen Rücktrittspricht – Frau Bettina steht ihm noch bei. Quelle: dpa

BerlinAls Christian Wulff am 17. Februar 2012 seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten erklärte, mag er gehofft haben, das Schlimmste läge hinter ihm. Doch es kam ganz anders: Es folgten die Debatte um seinen Ehrensold, der Große Zapfenstreich mit Vuvuzelas, der Triumph seines Nachfolgers, den plötzlich alle und schon immer für den besseren Präsidenten gehalten haben. Dann das eher peinliche Buch seiner Frau Bettina, und schließlich, Anfang 2013, die Trennung.

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Ein Jahr nach dem Rücktritt steht Wulff immer noch mitten in einem „Trümmerfeld“, wie es der ARD-Hörfunkjournalist Michael Götschenberg in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Der böse Wulff?“ beschreibt. Götschenbergs Aufzeichnungen folgen auf den schon im November erschienenen Band „Affäre Wulff“ der „Bild“-Journalisten Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch. Einen Film soll es auch bald geben. Mit zwölf Monaten Abstand bleibt die vielleicht spannendste Frage, wie es geschehen konnte, dass ein deutscher Spitzenpolitiker, CDU-Hoffnungsträger, Ministerpräsident in Niedersachsen und am Ende sogar – für 598 Tage – Bundespräsident, so tief fallen konnte. Seine Fehler, Fehleinschätzungen, Versäumnisse mögen schwer wiegen, den tiefen Sturz erklären sie nicht.

Chronologie Christian Wulff

  • 25. Oktober 2008

    Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses in Burgwedel bei Hannover.

  • 18. Februar 2010

    Die Grünen im niedersächsischen Landtag wollen vom damaligen Ministerpräsidenten Wulff unter anderem wissen, welche Spenden beziehungsweise Sponsoringleistungen er oder die CDU in den vergangenen zehn Jahren vom Unternehmer Egon Geerkens erhalten haben und ob es geschäftliche Beziehungen zu Geerkens gab. Wulff verneint dies.

  • 21. März 2010

    Die im Dezember 2009 aufgenommenen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen ablöst. Der Zinssatz beträgt 2,1 Prozent. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vermutet Ende 2011 einen Zusammenhang zwischen dem sehr günstigen Darlehen und dem Einsatz Wulffs als niedersächsischer Ministerpräsident für den Einstieg des VW-Konzerns bei Porsche.

  • 17. August 2011

    Der Bundesgerichtshof (BGH) entscheidet, dass Journalisten das Grundbuch von Wulffs Haus einsehen dürfen, wenn dies für eine journalistische Recherche erforderlich ist. Mehrere Medien recherchieren zu dem Fall.

  • 12. Dezember 2011

    Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht Medienberichten zufolge, den „Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann zu erreichen, um auf die anstehende Berichterstattung über seinen Privatkredit Einfluss zu nehmen. Er spricht Diekmann auf die Mailbox und droht den „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag für den Fall an, dass diese „unglaubliche“ Geschichte tatsächlich erscheine.

  • 13. Dezember 2011

    Die „Bild“-Zeitung berichtet erstmals über das Darlehen und fragt, ob Wulff das Landesparlament getäuscht habe. Sein Sprecher Olaf Glaeseker teilt mit, Wulff habe die damalige Anfrage korrekt beantwortet. Es habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens gegeben und gebe sie nicht.

  • 22. Dezember 2011

    Wulff tritt erstmals persönlich in der Affäre an die Öffentlichkeit und entschuldigt sich für seinen Umgang mit den Vorwürfen. Er bekräftigt jedoch, im Amt bleiben zu wollen. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt in einem meiner öffentlichen Ämter jemandem einen unberechtigten Vorteil gewährt“, versichert das Staatsoberhaupt. Kurz vor seiner Erklärung im Schloss Bellevue entlässt Wulff seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker ohne Angabe von Gründen.

  • 4. Januar 2012

    Der Bundespräsident bricht sein Schweigen. In einem Fernseh-Interview zur besten Sendezeit beantwortet Christian Wulff Fragen zur Kredit-Affäre. Im Gespräch mit ARD und ZDF räumte Wulff ein, dass der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, der mit seinem eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar sei. Der Fehler tue ihm leid und er habe sich auch entschuldigt. Zugleich betonte Wulff, er wolle nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne. Ungeachtet des anhaltenden Drucks in der Kredit- und Medienaffäre machte der Bundespräsident in dem Interview auch klar, dass er nicht zurücktreten wolle. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte Wulff. Mit Blick auf das Darlehen der BW Bank sagte er, es handele sich um normale und übliche Konditionen. Das gesamte Risiko der Zinsentwicklung liege bei ihm, so Wulff. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

  • 18. Januar 2012

    Im Auftrag Wullfs stellt sein Anwalt nun doch Journalisten-Anfragen und Antworten auf knapp 240 Seiten online.

    Die Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht keine Anhaltspunkte gegen Wulff wegen seines Hauskredites bei der BW-Bank zu ermitteln.

  • 19. Januar 2012

    Die Staatsanwaltschaft durchsucht das Haus und Büro von Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker und die Räumlichkeiten des Eventmanagers Manfred Schmidt. Ermittelt wird wegen Korruptionsverdacht. Glaeseker soll die private Lobby-Veranstaltung Nord-Süd-Dialog „gefällig gefördert“ haben.

  • 8. Februar 2012

    Die Bild-Zeitung berichtet, dass der Filmunternehmer David Groenewold für Wullf und seine spätere Frau Bettina einen Urlaub auf Sylt gebucht und bezahlt habe. Wulffs Anwalt erklärt, der damalige Ministerpräsident habe die Kosten später in bar beglichen habe. Groenewold soll vor drei Wochen das Sylter Hotel angerufen und zum Stillschweigen verpflichtet haben. Im gleichen Jahr gab das Land Niedersachsen dem Filmunternehmen eine Bürgschaftszusage.

  • 16. Februar 2012

    Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt beim Bundestag die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten. Es bestehe ein Anfangsverdacht auf Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung, so die Staatsanwaltschaft. Der Bundestag entscheidet nun, ob gegen Wulff strafrechtlich ermittelt wird.

    Wulff soll als Ministerpräsident Kontakte zu dem Filmfonds-Manager David Groenewold gehabt haben. Auch gegen Groenewold wird ermittelt. Der Antrag zur Aufhebung der Immunität gegen einen Bundespräsidenten ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik.

  • 17. Februar 2012

    Wulff erklärt seinen Rücktritt, woraufhin die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen beginnt.

  • 2. März 2012

    Fünf Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts und ein Staatsanwalt durchsuchen das Wohnhaus von Wulff in Großburgwedel.

  • 8. März 2012

    Wulff wird mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Viele Prominente bleiben der Zeremonie fern.

  • 22. Juli 2012

    Neue Vorwürfe werden bekannt: Wulff soll sich als Ministerpräsident dafür eingesetzt haben, der Versicherungswirtschaft Vorteile zu verschaffen. 2008 verbrachten die Wulffs ihre Flitterwochen im Haus eines Versicherungsmanagers in Italien.

  • 8. September 2012

    Bettina Wulff geht gegen die Verbreitung von Gerüchten und Denunziationen vor. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, Wulff habe eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, alle Behauptungen über ihr angebliches Vorleben als Prostituierte oder Escort-Dame seien falsch.

  • 10. September 2012

    Das ursprünglich erst für November angekündigte Buch der früheren First Lady, „Jenseits des Protokolls“, ist bereits in vielen Buchhandlungen erhältlich. Darin setzt sie sich nun auch publizistisch gegen die Gerüchte zur Wehr.

  • 11. September2012

    In mehreren Interviews erhebt Wulff Vorwürfe auch gegen ihren Mann. Sie beklagt unter anderem, an seiner Seite habe sie eigene Bedürfnisse unterdrücken müssen. Um die ganze Situation zu verarbeiten, habe sich das Paar therapeutische Hilfe gesucht.

  • 15. September 2012

    Nach heftiger öffentlicher Kritik an ihrem Buch und ihren Interviews sagt Bettina Wulff mehrere geplante Auftritte in Fernseh-Talkshows ab. Das bestätigen die betroffenen Sender.

  • 9. Oktober 2012

    Die Flitterwochen der Wulffs im Haus eines Versicherungsmanagers rechtfertigen keine Ermittlungen wegen Vorteilsannahme, teilt die Staatsanwaltschaft Hannover mit.

  • 14. November 2012

    Die Staatsanwaltschaft kann nach eigenen Angaben noch nicht absehen, wie lange die Ermittlungen gegen Christian Wulff noch dauern werden.

  • 7. Januar 2013

    Die Wulffs haben sich „einvernehmlich räumlich“ getrennt, wie der Anwalt der Eheleute bestätigt. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf „hochrangige Kreise der CDU“ über die Trennung berichtet.

Nicht einmal der Rücktritt selbst war unausweichlich, meint Götschenberg, erst das „verheerende Krisenmanagement“ Wulffs und seiner Umgebung hätten dieses Ende herbeigeführt – zusammen mit dem „Drang zur Skandalisierung“ vieler Medien. Was als Affäre um einen Hauskredit und Urlaubsreisen bei Unternehmerfreunden begann, sich mit unglücklichen Mailbox-Anrufen und unzureichenden öffentlichen Erklärungen fortsetzte, ging über in eine Serie von Demütigungen, auch im Privatleben.

Christian Wulff: Ein Steckbrief

  • Geburt

    Christian Wulff ist am 9. Juni 1959 in Osnabrück als Christian Wilhelm Walter Wulff geboren.

  • Ausbildung

    Sein Abitur bestand Wulff 1980 mit der Note 1,9. Danach studierte Wulff bis 1986 Jura in seiner Heimatstadt Osnabrück.

  • Beruf

    1990 Niederlassung als Rechtsanwalt in Osnabrück .

  • Partei

    1975 CDU-Eintritt, 1978-1980 Bundesvorsitzender Schüler-Union, 1994-2008 Landesvorsitzender in Niedersachsen, seit 1998 stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender.

  • Abgeordneter

    Von 1986 bis 2001 im Rat der Stadt Osnabrück, von 1994 bis 2010 im niedersächsischen Landtag

  • Wahlen

    Niederlagen: 1994 und 1998 erfolglose Kandidatur gegen Gerhard Schröder (SPD) um das Amt des Ministerpräsidenten in Hannover.

    Wahlsiege: 2003 Gewinn der Landtagswahl und Ministerpräsident Niedersachsens bis 2010, im gleichen Jahr wird Wulff im dritten Wahlgang zum Bundespräsidenten und somit zum Staatsoberhaupt gewählt.

  • Familie

    Verheiratet: Von 1988 bis 2006 mit Rechtsanwältin Christiane; von 2008 bis 2013 mit Journalistin Bettina.

    Kinder: aus erster Ehe Tochter Annalena (geb. 1993), gemeinsam mit Bettina Sohn Linus Florian (geb. 2008); Bettina Wulff hat aus früherer Beziehung Sohn Leander (geb. 2003).

Als die ersten Fotos eines sichtlich abgemagerten Ex-Präsidenten auftauchen, mit neuer Brille zwar, und doch irgendwie bedrückt, da regt sich bei manchem Mitleid. Wulff hat zwar seine Altersbezüge samt Fahrer und Büro durchgesetzt, aber die abgelegenen Räume, die man ihm im Bundestag zur Verfügung stellte, hielten manche für unwürdig.

Klatschblätter berichten da schon über Eheprobleme, Wulffs Frau Bettina kündigt die Veröffentlichung ihrer Erinnerungen an. Deutlich müht sich die frühere First Lady, Abstand zu gewinnen von ihrem Mann.

  • 18.02.2013, 22:17 UhrDie-Korrupte-BRD

    Der korrupte Hohlpfosten hat sich selbst die Grube gegraben...

    ...Der Islam gehört zu Deutschland

    Leider nicht im Gefängnis, wie der Rest der Bagage!

    Leider!

    Und es wird noch dicker kommen!

    Verlasst euch drauf!

  • 18.02.2013, 22:02 UhrKriminelle_Politik

    @Herbert.Nau

    Wie Verkommen ist das denn …

    Sie nehmen diese skrupellosen Polit-Banditen auch noch in Schutz und beleidigen Kommentatoren die über die Wahrheit schreiben.
    Ihr Rechtsverständnis ist wie das von Politikern.
    Was für eine Nummer …

    Einfach nur noch gruselig!

    Vielen Dank für unsere total verkommenen Strassen!

    Man sollte alle Politiker und deren Wasserträger am Seil hinterm Auto durchs Land ziehen, um diese gefährlichen Hohlpfosten spüren zu lassen, wie verkommen unsere Strassen sind!
    Denn sie sind schuld daran!

  • 18.02.2013, 12:16 UhrHerbert.Nau

    Es ist schon widerlich, mit welcher Gnadenlosigkeit eine Vielzahl von Foristen den Menschen Christian Wulff verurteilen - selbst die Staatsanwaltschaft wird sich nur auf die vermeintlich strafbaren Taten beschränken.

    Außerdem finde ich die Wortwahl mancher Foristen unerträglich; feige dann auch unter Nickname oder anonym herausgeplatscht.

    Da würde ich mir wünschen, mit solchen Leuten coram publico über ihre merkwürdige Haltung und ihr Weltbild zu diskutieren.

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