Ein Mann des Volkes
Eine Art Apo-Präsident

Bundespräsident Horst Köhler ist sehr beliebt. Wenn es nach den Bürgern geht, muss er im Amt bleiben: Köhler bedient die Aversionen der Menschen gegen eine schier undurchschaubare Politik und die böse, unkontrollierbare internationale Finanzwelt.

BERLIN. Der Kreis der Zuhörer wähnt sich im falschen Film. Da verleiht der Bundespräsident in Schloss Bellevue dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, und da hören sie von Horst Köhler lauter Elogen an sich selbst. „In allen diesen Funktionen bekam auch ich ...“, „Wir haben ja zusammen ...“, „Wie auch ich in meinem beruflichen Werdegang ...“. Und schließlich verweist er, den exzellenten Rang des Vortragenden unterstreichend, auf „Bundesfinanzminister Theo Waigel und ich haben ...“. Auch bei einem Bundespräsidenten, so der Eindruck der kleinen Runde, ist das Begehren nach allseitiger Anerkennung kaum zu unterdrücken.

Horst Köhler weiß, wovon er redet, wonach ihm begehrt. Zwischen „Horst Wer?“ (2004) und „Super-Horst“ (2008) liegt ein tiefes Verlangen nach Anerkennung. Er kennt dieses Verlangen nicht erst, seit er vor vier Jahren als Unbekannter für das Präsidentenamt kandidieren durfte. Schon in früher Kindheit hat ihn das Begehren nach größtmöglicher Bedeutung gepackt. „Ich will mal Präsident werden“, hatte der Schüler in der Grundschule in Markkleeberg bei Leipzig erkannt.

Kaum anders überkam ihn das Begehren als bienenfleißiger Staatssekretär im Finanzministerium, als er nach nicht einmal drei Jahren in die besser vergütende Sparkassenwelt aufstieg. Und ungestillt blieb es auch noch, als er aus der deutschen Sicht geriet und als Direktor in die Beletage des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington zog. 2004 landete er dann wie ein unbekanntes Flugobjekt mit der Aufschrift „Horst Wer?“ auf deutschem Boden – nicht als gehobener Sparkassendirektor, nicht als IWF-Manager – als Präsidentschaftskandidat.

Jetzt, 2008, nach Einlösen des Kindheitstraumes, ist alles anders. Jetzt gibt es nur noch einen Horst: den „Super-Horst“. Aus einem, der in die Fremde zog, um wie der verlorene Sohn nach Germany zurückzufinden, ist einer geworden, der sich mächtig bitten lässt: Seine Wiederwahl als Bundespräsident, so will es scheinen, hängt einzig und allein von seiner Entscheidung ab. So viel Willensfreiheit war nie für Köhler. Allein dafür muss sich der kindliche Ehrgeiz gelohnt haben, einmal das höchste Amt im Land zu bekleiden.

Verkehrte Welt. Statt abzuwarten, dass die Kette der Landtagswahlen mit Bayern ein schönes Ende gefunden hat, die Mehrheiten klar sind und die Parteien eine klare Unterstützung für eine zweite Amtsperiode garantieren, lässt er verhohlen sein Interesse an der zweiten Amtszeit durchblicken. Solches ist die Machtdemonstration eines nur scheinbar Machtlosen. Es ist eine Demonstration persönlicher Selbstbeharrung gegen vermeintlich kafkaeske, zumindest nicht ganz von der reinen Vernunft steuerbare Prozesse in der Politik. Es ist eine Demonstration für die Macht diesseits der Parteien – das präsidiale Plädoyer für sich selbst.

Denn Köhler, wahrlich kein politischer Arithmetiker, kann jetzt nicht mehr einschätzen, ob er eine Mehrheit in der Bundesversammlung haben wird. Von der müsste er am 23. Mai 2009 gewählt werden. Längst aber ist die einstige Mehrheit zur Marge geschrumpft. Reißt das Sicherheitsnetz unter den glücklos agierenden CSU-Vorturnern in Bayern, Landeschef Günther Beckstein und Parteichef Erwin Huber, und fallen sie bei der Landtagswahl unter 60 Prozent, ist die Marge zerronnen. Dann kämen Grüne und SPD ins Spiel, die bisher nur taktische Befürworter einer zweiten Amtszeit Köhlers sind.

Doch Köhler ficht das nicht an. Er fühlt sich längst dem Schlepptau der Politik entschwunden, er sieht sich vom Volk getragen. Und es macht ihm großen Spaß, das Volk gegen die Politik zu tragen. Köhler ist eine Art Chef der außerparlamentarischen Opposition (Apo) des Volkes gegen die in Berlin Regierenden.

Solche Distanz zum Betrieb kommt nicht zufällig. Längst hat er in Denken und Fühlen den Opportunismus der Parteien hinter sich gelassen. Er schätzt, dass sich keine von ihnen gegen jene 80 Prozent der Bürger wenden wird, die die Demoskopie als Köhlers applaudierende Garde vor Schloss Bellevue postiert. Dabei weiß der Mann in der gefühlten Pole-Position, dass er in der Politik – quer durch die Parteien – ewiger Ersatzmann ist, eine Art Lukas Podolski auf dem Schlossrasen.

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