"Ein Schlag ins Kontor "
Coesfeld leidet unter Bundeswehr-Abzug

Einzelhändler, Gastwirte und Handwerker in Coesfeld fürchten Umsatzeinbußen. Bürgermeister Heinz Öhmann erwartet Kaufkraftverluste in Millionenhöhe.

HB COESFELD. Der Schock sitzt tief in Coesfeld. „Wir waren bis gestern Abend noch zuversichtlich“, sagt Bürgermeister Heinz Öhmann (CDU) stellvertretend für die Einwohner seiner Stadt. Dann kam die ernüchternde Nachricht. Die Bundeswehr wird sich spätestens im Jahr 2010 aus der 40 000-Einwohner-Stadt im Münsterland verabschieden. Einzelhändler, Gastwirte und Handwerker fürchten Umsatzeinbußen. „Das geht in die Millionen“, beschreibt Öhmann die Größenordnung, die auf seine Stadt im nächsten Jahrzehnt an Kaufkraftverlust zukommen wird. Öhmann ist einer von 105 Bürgermeistern in Deutschland, die den Geldbeuteln scheidender Bundeswehr-Soldaten nachtrauern.

Coesfeld ist die Stadt, die von den Reformplänen des Verteidigungsministeriums gemeinsam mit den norddeutschen Kommunen Kappeln und Rendsburg sowie dem bayerischen Penzing am härtesten getroffen wird. In Coesfeld sind nach Angaben des Ministeriums 1 440 Dienstposten betroffen - nach Darstellung von Bürgermeister Öhmann sogar knapp 2 000. Insgesamt soll die Bundeswehr um 35 000 Soldaten und 45 000 Zivilbedienstete kleiner werden

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In Coesfeld zittern neben Einzelhändlern und Handwerkern vor allem die Gastronomen. „Das ist ein Schlag ins Kontor“, sagt Michael Fries. Er ist Geschäftsführer im „Café Central“ und in der Discothek „Fabrik“, einem beliebten Treffpunkt auch für Soldaten. Wie er das zu erwartende Wegbleiben der Gäste in Uniform verkraften soll, weiß er noch nicht. „Diese Klientel ist nicht zu ersetzen“, sagt Fries. „Es bricht eine Menge Kaufkraft weg, die Menschen ziehen fort.“

Kleinaufträge für Handwerker, Lieferverträge mit Nahrungsmittelherstellern wie Bäckern und Metzgern - all das wird es nicht mehr geben, befürchtet auch Christian Brehmer, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Münster.

Weil sich diese Sorgen auch Öhmann macht, fordert der Kommunalpolitiker Hilfe vom Bund bei der Umwandlung bisher militärischer in künftig zivile Flächen. Weit über 100 Hektar sind es, die in Coesfeld künftig leer stehen werden - in idyllischer Lage, umgeben von Landschaftsschutzgebieten und schon deshalb nicht gerade ein gefundenes Fressen für ansiedlungswillige Industriebetriebe. Aus dem Verteidigungsministerium kam schon am Dienstag ein Kopfschütteln als Antwort auf noch zu erwartende Forderungen.

So klingt die Einschätzung des Bürgermeisters realistisch, wenn er auf die Nachbarstadt Dülmen verweist. Dort zog die Bundeswehr 2003 ab. „Bis jetzt ist nix passiert“, lautet Öhmanns ernüchternde Bilanz in Sachen Konversion. Optimistischer als die Klagen in Kommunalpolitik und Wirtschaft klingt dagegen die Einschätzung eines Militärs selbst. „Wir sind von Freunden umzingelt und einfach nicht mehr bedroht. Mir ist das ganz recht so“, beteuert ein Offizier.

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