„Ein Tag der Befreiung“
Zum 60. Jahrestag reißen Wunden wieder auf

Heinrich Böll hat daraus so etwas wie eine Gretchen-Frage gemacht: Wie hältst Du es mit der Befreiung? In seinem fiktiven „Brief an meine Söhne“ erklärte der Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg: „Ihr werdet die Deutschen immer wieder daran erkennen können, ob sie den 8. Mai als Tag der Niederlage oder der Befreiung bezeichnen.“

HB BERLIN. Die Deutschen und ihre Politiker taten sich jahrzehntelang schwer mit dieser politisch-moralischen Frage zum Ende des Nationalsozialismus. Den Knoten durchschlagen hat erst Richard von Weizsäcker am 40. Jahrestag des Kriegsendes. Wenn Kanzler Gerhard Schröder (SPD) dieser Tage von „einem Sieg für Deutschland“ spricht, nimmt er deutlich Bezug auf den früheren Bundespräsidenten.

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“, sagte Weizsäcker 1985 in einer viel beachteten Gedenkrede. Diese These wurde nach der Vereinigung Deutschland immer wieder in Frage gestellt - Ostdeutsche wollten das Leben im DDR-Unrechtsregime partout nicht als Befreiung dargestellt sehen. Und auch zum 60. Jahrestag kommt das Thema wieder hoch: Wie passen etwa der Bombenkrieg der Alliierten und die Vertreibung der Deutschen zur Befreiung?

1965 wurde des 8. Mai überhaupt nicht gedacht. Fünf Jahre später hielt Gustav Heinemann als erstes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik eine Gedenkrede, Willy Brandt gab im Parlament eine Regierungserklärung ab. Statt von Befreiung sprachen sie von „deutscher Kapitulation“ und vom „Zusammenbruch des Dritten Reichs“. Wir Deutsche hätten keinen Anlass zu feiern, meinte Außenminister Walter Scheel (FDP). Der Preis, den das deutsche Volk zu zahlen hatte, schien vielen Politikern zu hoch. Die Vertreibung, der Verlust der Ost-Gebiete und die Spaltung Deutschlands überschattete offensichtlich die 1945 erlangte Freiheit.

Doch 40 Jahre nach Kriegsende setzte Weizsäcker zum Befreiungsschlag an. Seine Rede enthielt drei unbequeme Thesen: Die Deutschen wurden befreit, allen Opfern des Nationalsozialismus gebührt Respekt und Trauer, und Mitläufer tragen eine Mitschuld am Nazi-Regime. „Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten.“ Weizsäckers Rede wurde in kurzer Zeit in 1,2 Millionen Exemplaren und 60 000 Schallplatten verbreitet und findet sich heute in fast jedem Geschichtsbuch. Noch zum 50. Jahrestag betonte sein Nachfolger Roman Herzog, Weizsäcker habe zum 8. Mai „Richtungsweisendes, ja Abschließendes gesagt“.

Dass sich solche Worte tief eingegraben haben in das Bewusstsein vieler Deutschen, zeigt eine aktuelle polis-Umfrage für die dpa: Danach werten acht von zehn Bundesbürgern das Kriegsende als „Tag der Befreiung“. Nur neun Prozent sehen den 8. Mai 1945 als „Tag der Niederlage Deutschlands“ an. Für sechs Prozent trifft beides zu.

Für den Potsdamer Zeithistoriker Konrad H. Jarausch ist die Durchsetzung einer kritischen Sicht auf 1945 mit der Vokabel Befreiung „eine der größten Errungenschaften der Nachkriegsepoche“. Diese Perspektive sei Ergebnis eines Lernprozesses, in dem sich viele Deutsche vom eigenen Leiden gelöst hätten und dadurch für sich annehmen konnten, dass andere Gruppen wie Juden, Polen, Sinti und Roma oder Homosexuelle die eigentlichen Opfer waren.

Doch die rechtsextremistische NPD stellte diese Erkenntnis nun wieder in Frage und löste damit einen Eklat aus. Zum Jahrestag der alliierten Bombardierung von Dresden sprachen NPD-Politiker von „Bomben-Holocaust“ und beantragten Gedenken ausschließlich für deutsche Opfer. Weil sie mit diesen Thesen auch am 8. Mai durch das Brandenburger Tor ziehen wollten, verschärften die rot-grüne Koalition und die Union eilig das Versammlungs- und Strafrecht.

Ian Kershaw, britischer Historiker und Hitler-Biograf, räumt ein, dass es natürlich möglich sei, auf das große Leid hinzuweisen, dasder Bombenkrieg für alle Seiten mit sich brachte. „Gefährlich wird es, wenn suggeriert wird, Deutsche seien Opfer gewesen, so wie die Juden Opfer waren.“ Man dürfe nie vergessen, dass die Deutschen Opfer einer Politik wurden, die die Mehrheit von ihnen jahrelang bejubelt hatte.

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