Tatsächlich vergeht seit seiner Amtsübernahme kaum ein Hintergrundgespräch, in dem er nicht gegen die Parteien ledert. Das rot-grüne Gezänk hatten damals alle satt und als Nebenwirkung den demokratischen Streit an sich gleich mit. Zumal der Ertrag zu wünschen übrig ließ, 2004 der genervte Bürger wirtschaftlich schlechter dastand als zu Zeiten Kohl'scher Lethargie, als die Politik zwar Vollbeschäftigung und Rentensicherheit längst untergraben hatte, aber unter dem stillen Schutze konsensualer Friedhofsruhe.
Köhler weiß solche resignative Stimmung, die in Wirklichkeit nicht der Politik, sondern einer unpolitischen Mentalität im Land erwächst, zu nutzen „Die Deutschen können mehr“, predigt er und streichelt die wunden Seelen. „Er versucht, jemand zu sein, der sich mit dem Volk gegen die Oberen verbündet“, analysiert sein Biograf Gerd Langguth Köhlers Drang, den Schulterschluss „nicht mit den Mächtigen, sondern mit den Regierten“ zu suchen.
Solch klare Demarkationslinie zwischen „Mächtigen da oben“ und „Regierten da unten“ ist das große Missverständnis des Präsidenten, der von ganz unten kam. Denn mit solch simplem Politikverständnis, eingebettet in den biedermeierlichen Klingklang seines Wunsches nach Eindeutigkeit, ruft er zwar Jubel hervor, weil sich die Bürger beharrlich als Opfer von denen „da oben“ begreifen wollen. Tatsächlich aber fördert die brave Rhetorik vom schützenswerten kleinen Mann nur Ressentiments gegen die Politik. Denn immerhin ist es die höchste Stelle im Staat, die den Stab über die Politik bricht.
Routiniert spult er die eigenen Gefühle des tätigen Machers ab. Meist gehen die mit den gängigen Antipathien gegen „die Politiker“ konform: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was sich hier in Berlin bewegt, und dem, was sich draußen tut.“ Die Berliner Blindheit gegenüber dem tollen Volk hat er schon in der ersten Pressekonferenz als Präsident zum Thema erhoben – und seither nicht mehr gelassen. Über Fernsehen und Printmedien sagt er nichts anderes, als dass das Volk eine bessere Regierung verdient hätte als die leider gerade im Totalausverkauf erworbene.
Nicht zufällig spricht Köhler von „den Politikern“, als handele es sich dabei um artfremde Gestalten, und er kreidet ihnen gleich noch „viele verwirrende taktische Spielchen“ an – so als ob dies nicht das Wesen der politischen Auseinandersetzung und gleichzeitig auch der Ersatz für Waffenklirren wäre.
Doch die Spielchen sind schuld am „schwindenden Vertrauen der Bürger“ in die Politik, die die „um sich greifende Demokratieverdrossenheit“ verschulde. Grund: „fehlende Verlässlichkeit“ der Politik, die die „Entfremdung der Menschen von der Politik“ betreibe.
Köhler dämpft nicht, sondern mobilisiert das immergleiche Stammtisch-Lamento, das Parteipolitik nur argwöhnisch durch den mit Misstrauen geschwängerten Rauch beäugt. Mit einem Unterschied: Er nobilitiert diesen Widerstand nicht als bierseliger Privatmann, sondern als höchster offizieller Vertreter des Staates. Das genau aber ist der Grund dafür, dass viele Politiker, derart an Ehre und Würde gepackt, ihm solche Worte zutiefst verübeln. Und nicht mehr verzeihen.
Mit solchen präsidialen Scherenschnitten stilisiert er sich nicht nur zum Antipoden einer angeblich versagenden Politik. Er gaukelt den Deutschen auch die Realität ihrer liebsten politischen Kitschfigur vor: eines grundanständigen Kerls, der die Politik Mores lehrt. Deshalb nahm sich der Protestant Köhler vor, „unbequem“ zu sein. Damit treibt er seine Popularität bei den Politikmüden aber auch in Kohlhaas'sche Regionen, in denen das hehre Ideal sich nie der herben Wirklichkeit beugt.
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