Einkommen gehen zurück
Kurzarbeit hebelt Tariferhöhungen aus

Würde sich die Bezahlung der Arbeitnehmer ausschließlich nach den Gehaltstabellen der Tarifverträge richten, dann hätten sie im Frühjahr 2009 ein kräftiges Plus gemacht: Nach aktuellen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes lagen die tariflich vereinbarten Monatslöhne und -gehälter im April um durchschnittlich 2,8 Prozent höher als ein Jahr zuvor.

BERLIN. Da die Verbraucherpreise im gleichen Zeitraum nur um 0,7 Prozent stiegen, bliebe damit theoretisch ein deutlicher Kaufkraftzuwachs übrig – umso mehr, als der Preisauftrieb seither weiter zurückgeht.

Tatsächlich aber bekommt ein durchschnittlicher Arbeitnehmer davon wenig mit: Weil die effektiv gezahlten Löhne und Gehälter zusätzlich durch Kurzarbeit, Überstundenabbau und Kürzung übertariflicher Zulagen geschmälert wurden, hatte er unterm Strich real trotzdem keinen höheren Verdienst als noch 2008. Nach dem kürzlich von den Statistikern neu konzipierten Reallohnindex waren die tatsächlich gezahlten Bruttolöhne im ersten Vierteljahr 2009 preisbereinigt um 0,4 Prozent niedriger als im Vorjahresquartal.

Dieser Rückgang hat nach Angaben der Behörde unter anderem damit zu tun, dass die bezahlte Wochenarbeitszeit im verarbeitenden Gewerbe infolge von Kurzarbeit deutlich sank – im Schnitt um 4,2 Prozent auf 36,2 Stunden. Dadurch und durch ein Abschmelzen von Sonderzahlungen wurde ein Anstieg der Grundvergütungen um preisbereinigt 1,5 Prozent überkompensiert.

Die Daten zur Entwicklung der Tariflöhne liegen etwa auf einer Linie mit der jüngsten Tarifbilanz des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. Dieses hatte für das erste Halbjahr 2009 durchschnittliche Tarifsteigerungen von drei Prozent ermittelt. Allerdings hatte auch WSI-Tarifexperte Reinhard Bispinck bereits darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Effektiveinkommen trotz relativ hoher Tarifsteigerungen „deutlich geringer“ ausfallen werde.

Die Datenvergleiche liefern auch neuen Zündstoff für die Debatte über den Kurs der Lohnpolitik, nachdem Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt mit Aussagen über Lohnsenkungen Gewerkschafter und Politiker gegen sich aufgebracht hat. Hundt hatte am Dienstag gesagt, dass angesichts massiver Geschäftseinbrüche in einigen Wirtschaftsbereichen eine Senkung der Tariflöhne gerechtfertigt wäre. Zwar könne er sich so eine Entwicklung „im Moment noch nicht vorstellen“. Er schließe aber nicht aus, dass „übertarifliche Vereinbarungen oder aber Arbeitsbedingungen in den Manteltarifverträgen verändert werden, die zu einer Senkung der Kostenbelastung der Unternehmen führen“.

DGB-Chef Michael Sommer hatte Hundt daraufhin Verantwortungslosigkeit vorgeworfen: „Sein Vorschlag zur Lohnsenkung heißt nichts anderes, als dass die Lasten der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die kleinen Leute abgewälzt werden sollen“, beklagte er. Auch Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) und Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) übten Kritik. Sie warfen Hundt vor, eine „unsoziale“ und „einseitige“ Debatte zu führen.

Tatsächlich zeigen die Statistiken, dass die Unternehmen auch ohne offene Lohnsenkung bereits einige Einsparungen bei den Personalkosten realisieren – die aber meist den Auftragsrückgang nicht ausgleichen. Zudem hat es in jüngster Zeit bereits einzelne Tarifvereinbarungen gegeben, die Unternehmen wegen der Krise entlasten sollen. Etwa in der baden-württembergischen Metallindustrie: Dort schlossen IG Metall und Arbeitgeber einen Tarifvertrag, der eine stärkere Beteiligung der Arbeitnehmer an den Kosten der Kurzarbeit vorsieht. Zwar erhalten sie weiter einen Zuschlag des Arbeitgebers zum Kurzarbeitergeld. Dieser kann aber nun, anders als zuvor, mit Weihnachtsgeld verrechnet werden.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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