Einwanderungspolitik
„Ich hoffe, Sie werden damit glücklich“

Ob Berlin, Bonn, Karlsruhe oder München – bei Einbürgerungsfeiern lassen sich die Gemeinden und Kommunen einiges einfallen. Doch ob solche feiern ihren Zweck erfüllen und die Integration in Deutschland erleichtern? Kritiker zweifeln daran.

DUISBURG. Sinan Kaplan fixiert einen Punkt in der Ferne. Gleich wird er Deutscher. Die Hände ruhen auf den Schultern seines fünfjährigen Sohnes. Erkan zappelt, gerade so, als würde er lieber auf dem hellen Holzparkett des feinen Mercator-Saals im Duisburger Rathaus herumtoben. Doch das geht jetzt nicht. Denn dort, wo der Bürgermeister sonst Diplomaten empfängt, produziert die Stadt gerade 35 Deutsche. „Ich freue mich, dass sie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen wollen und ich hoffe, dass sie mit dieser Entscheidung glücklich werden“, sagt Stadtdirektor Jürgen Brandt. Anfangs wurde noch getuschelt, jetzt ist es still.

Seit neun Jahren laden der Bürgermeister oder sein Stellvertreter Brandt einmal im Monat die neuen Deutschen ins Rathaus ein. Die Ruhrpottstadt war damit Vorreiter. Seitdem immer mehr Kommunalpolitiker die Zuwanderer als Mittel gegen den Bevölkerungsschwund erkannt haben, richten auch sie solche Feiern aus. Zuletzt gab Hamburg bekannt, dass bald Bürgermeister Ole von Beust die neuen Bürger im Rathaus feierlich begrüßen will.

Ob Berlin, Bonn, Karlsruhe oder München – die Gemeinden und Kommunen haben sich dabei einiges einfallen lassen. Da spielt dann ein Streichquartett „Gott! Erhalte Franz den Kaiser“ von Joseph Haydn – die Grundlage der deutschen Nationalhymne. In anderen Rathäusern schmettert ein Bläser-Trio Auszüge aus Wagner-Opern. Mal müssen die neuen Deutschen die Nationalhymne singen, mal schüttelt der Bürgermeister nur die Hände. Bald soll es, so wünschen es die Innenminister der Bundesländer, im ganzen Land eine Feier nach einheitlichen Regeln geben. Anfang Mai beschlossen sie, dass die Einbürgerung „in einem feierlichen Rahmen“ vollzogen werden soll und durch einen Eid oder feierliches staatsbürgerliches Bekenntnis zu dokumentieren sei.

Einen Eid müssen die neuen Deutschen im Duisburger Mercator-Saal nicht leisten. Auch die Nationalhymne singen sie nicht. „Obwohl das nicht schlecht wäre“, witzelt Stadtdirektor Brandt: „Dann müssten wir Beamten die auch endlich mal lernen“.

Die frisch gebackenen Deutschen werden einzeln aufgerufen und von Brandt mit Handschlag begrüßt. Eine 18-Jährige aus dem Kosovo ist dabei, die schon fast ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, eine Polin, die einen Deutschen geheiratet hat, Iraker, die vor den Truppen Saddams flohen und viele Türken. Manche Frauen tragen Kopftuch, viele nicht. Die meisten haben ihre Kinder mitgebracht.

Als der Name seines Vaters fällt, entfährt dem kleinen Erkan ein begeistertes „Ja!“. Sinan Kaplan strahlt. In großen Schritten schreitet er über das knarrende Parkett. Mit seinen kräftigen Pranken, die 30 Jahre lang in Deutschland Pizzen gebacken, Häuser gebaut und zuletzt Handy-Zubehör verkauft haben, drückt er die Hand des Stadtdirektors und nimmt die Einbürgerungsurkunde in Empfang. „Herzlich Willkommen und alles Gute“, sagt Brandt und überreicht dazu eine Taschenbuchausgabe des Grundgesetzes. Kaplan reicht es an den fünfjährigen Erkan weiter. Dann schlägt er die Mappe mit den Dokumenten auf. „Schauen sie nach, ob die Namen stimmen“, hatte ihm der Stadtdirektor am Ende seiner Rede geraten: „Mit Fehlern in den Dokumenten kommt man in Deutschland nicht weit.“

Wegen der zahlreichen Gastarbeiter hat Duisburg nach den Worten Brandts ein besonderes Verhältnis zu seinen Einwanderern. Der Ausländeranteil liegt bei mehr als 15 Prozent. Zwischen 1 200 und 1 600 Ausländer macht die Stadt alljährlich zu Deutschen. Bundesweit bürgern Gemeinden und Kommunen im Schnitt 160 000 Ausländer ein. Die größte Gruppe in Duisburg sind, wie auch bundesweit, türkischstämmig. Viele von ihnen kamen mit ihren Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland, so wie Sinan Kaplan. Weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz folgen Iraker, die nach Aussage der Stadt in Duisburg eine besonders aktive Gemeinschaft pflegen.

Kritiker wie einzelne Abgeordnete der Grünen und der SPD, bemängeln, solche Feiern seien Augenwischerei und täuschten darüber hinweg, dass es in Deutschland Defizite bei der Integration gebe. „Uns ist klar, dass viel mehr dazu gehört als ein Handschlag und ein Glas Sekt“, sagt ein Sprecher der Stadt. „Aber wir glauben, dass die Feier den Bürgern das Gefühl gibt, den Neuen etwas mehr vertrauen zu können. Und den Zugewanderten wollen wir zeigen, dass sie angekommen sind“, bekräftigt Stadtdirektor Brandt. Außerdem engagierten sich nur diejenigen in der Gesellschaft, die das Gefühl hätten, richtig dazugehören.

Ob er sich jetzt deutscher fühle als vorher, kann der zweifache Vater Kaplan nicht sagen. Seit acht Jahren besitzt er ein Haus in Duisburg. „Aber ich fühle mich erleichtert. Jetzt habe ich endlich die gleichen Rechte wie die Deutschen. Besonders freue ich mich aufs Wählen.“ Und wenn die Türkei und Deutschland bei künftigen Fußball-Weltmeisterschaften aufeinander treffen? „Mein Herz schlägt für Deutschland. Doch ich wäre wahrscheinlich für die Türkei“, sagt Kaplan, „aber nur, weil die immer so eine Außenseiterrolle hat.“

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