Elterngeld & Co
Ein Schritt zu spät

In Deutschland fehlen tausende Plätze in Krippen und Ganztagsschulen. Programme wie das Elterngeld funktionieren nur teilweise. Kein Wunder: Viel zu spät hat die Politik auf die veränderten Familienverhältnisse reagiert.
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BerlinFast 60 Jahre lang setzte die deutsche Politik vor allem auf direkte Hilfen für Familien. Während in Ländern mit höheren Geburtenraten wie Norwegen oder Frankreich Ganztagsschulen und Krippen gebaut wurden, damit Frauen Kinder und Beruf vereinbaren können, zahlte Deutschland Kindergeld oder machte seinen Bürgern die Familiengründung mit Steuererleichterungen schmackhaft. Dieser Politik lag das Familienmodell der Einverdienerehe zugrunde.

Doch dieses Modell funktionierte immer weniger, je gebildeter und unabhängiger die Frauen wurden. Viele entschieden sich im Zweifel gegen Kinder, wenn die Familie sich nicht mit der Karriere vereinbaren ließ. Die rot-grüne Koalition unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder leitete deshalb nach der Jahrtausendwende den Paradigmenwechsel ein. Renate Schmidt, Schröders Ministerin für „Familie und Gedöns“, rief eine neue Familienpolitik aus. Die Kernelemente: Krippenausbau, Umwandlung des dreijährigen Erziehungsgelds in ein Elterngeld für ein Jahr als Einkommensersatz, verbesserte steuerliche Absetzbarkeit von Betreuungskosten, Bündnisse für Familien mit Unternehmen und Kommunen, vier Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen.

Umgesetzt wurde das meiste davon erst unter der Großen Koalition. Mit dem Elterngeld schmückte sich Schmidts Nachfolgerin Ursula von der Leyen (CDU). Es wird seit 2007 bis zu 14 Monate gezahlt und erfreut sich auch bei Vätern wachsender Beliebtheit. Kurz nach Einführung sprang die Geburtenrate leicht nach oben, die Erwerbsquote von Frauen mit zwei- und dreijährigen Kindern zog leicht an. Doch bis heute kann die Philosophie des Elterngelds meist nicht umgesetzt werden. Sie lautet: Vater oder Mutter unterbricht die Erwerbsarbeit für ein Jahr, dank Elterngeld ohne zu große finanzielle Einbuße. Danach kommt das Kind in die Krippe, und der Elternteil setzt die Karriere fort. Genau der Krippenplatz aber fehlt vor allem in westdeutschen Ballungsräumen meist noch, denn der Rechtsanspruch gilt erst ab 2013. Und trotz milliardenschwerer Hilfen sind von benötigten 750 000 zusätzlichen Plätzen erst 517 000 gebaut.

Infografik

Familienpolitische Leistungen

in Mrd. Euro*

Hinter den Erwartungen bleibt auch das 2009 ausgelaufene Ganztagsschulprogramm zurück: Mehr als 8 000 Schulen wurden gefördert, doch für 72 Prozent der Kinder gibt es noch immer kein Angebot. Nun soll ein neues Bundesprogramm her. Allerdings müsste dafür erst die Verfassung geändert werden, nach der Bildung allein Ländersache ist.

Familienministerin Kristina Schröder jedenfalls sieht in den geringen Geburtenzahlen eher Ansporn, die bisherige Familienpolitik fortzusetzen. „Insbesondere der Ausbau der Kinderbetreuung spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Bedingungen für Familien zu verbessern“, sagte sie gestern. Das von Kritikern als „Herdprämie“ beschimpfte Betreuungsgeld für Eltern, die ihr Kind nicht in die Krippe geben, nannte sie nicht.

Kommentare zu " Elterngeld & Co: Ein Schritt zu spät"

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  • Das Elterngeld war von Anfang an Unsinn
    Wer hat denn wirklich partizipiert?
    Die Bestverdiener. Die kleine Verkäuferin, von der die Politik immer so gerne redet, mußte sich mit 300 € begnügen und das auch nur noch für ein Jahr. Früher gab es das Erziehungsgeld mal 2 Jahre.
    Ich bin nicht der Meinung, dass der Steuerzahler die Frau Rechtsanwältin, Richterin, Studienrätin usw. noch unterhalten muß, wenn diese ein Kind bekommen
    Bei uns muß sozial endlich wieder im wahren Wortsinn gelebt werden. Da geben, wo es nötig ist, da Unsinnigkeiten lassen, wo sie überflüssig sind
    Das ist derzeit nämlich audh nur wieder mal Umverteilung von unten nach oben

  • Naja -- also die Ganztagsschule geht in Norwegen bis 15 h. Hier gab es eine Regionalschule, die verbindlich war bis 16.30 h - Resultat war, dass die Schule nicht konkurrenzfähig war gegenüber anderen Schulen der Gegend. Die Eltern meldeten dort kaum Kinder an mit der Begründung, die Schule würde zu lange dauern.

    d.w. frag ich mich, wo die Frauen alle ganztags arbeiten sollen. Viele wären schon über eine reguläre Teilzeitstelle mit Sozialversicherungs/Rentenpflicht froh -- ich kenn durchaus auch Frauen, die nach Ausbildung nur Minijobs fanden und nie richtig einsteigen konnten.

    selbst wenn es nachher Ganztagskrippen und schulen gibt, so gibt es noch lange nicht die guten vernünftigen Stellen für all die Frauen, die dann Vollzeit arbeiten könnten.

    ich persönlich - als Frau - hab überhaupt kein Interesse an Vollzeitarbeit -- das würde erst Recht gelten, wenn ich Kinder hätte -- nichts ist schlimmer, als abends genervt von Arbeit nach Hause zu kommen und dann noch Kinder bespaßen zu müssen - da sing ich lieber das Hohelied auf die Teilzeitarbeit.

    "Qualiätszeit" - das ist nun wirklich gelogen. Ich bin weitgehend mit Schlüssel um den Hals aufgewachsen - da gibts keine Qualitätszeit. Deshalb würd ich sowas selbst auch nicht machen.

  • Klar, dass in diesem Land zuerst das Elterngeld gekürzt werden soll, wenn die Kinderzahlen nicht rasant nach oben gehen. Idiotisch! Ist nicht viel mehr die Frage, ob das Elterngeld nicht noch Schlimmeres verhindert hat? Oder dass das Elterngeld für die steuerlich hochbelastete Mittelschicht nicht ausreichend unbürokratisch und attraktiv ist? Wer bei diesem Thema Erbsen zählt, vergibt die profitabelste Chance auf nachhaltiges Wachstum. Das Elterngeld sollte um Hausbaukredite ergänzt werden, die mit jedem weiteren Kind signifikant sinken! Jeder, vom Amt bis zum Handwerker hätte etwas davon. Was ist schon eine Abwrackprämie im Vergleich dazu?
    Aber in einer Gesellschaft, der die Politiker die finanzielle Grundlage geraubt haben, wird sich bei potenziellen Eltern kein Vertrauen in die Zukunft einstellen. Und damit gibt es auch keine Kinder. Die ewige Diskussion um das Elterngeld und der Euro zerstören extrem viel. Das Gegenteil brauchen junge Eltern: Langfristige Verlässlichkeit, den Ausblick auf ein halbwegs für die Anfangszeit abgesichertes Leben und eine Gesellschaft, die weiß, dass Kinder die Konsumenten von morgen sind. Allen alten Säcken mit Häusern und ihren Erben sei gesagt: Wer kauft Eure Hütte, wenn es keine Kinder mehr gibt?
    Diese Gesellschaft muss schon aus egoistischen Gründen kinderfreundlich umgebaut werden. Und das Geld dafür darf nicht weiter nach Spanien überwiesen werden...

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