Endlagerstätte in Niedersachsen
Nuklearer Forschungsmüll kostet Bund fünf Mrd. Euro

Bis 2035 muss der Bund voraussichtlich fast fünf Mrd. Euro für die Stilllegung, den Abbau und die Endlagerung von kerntechnischen Forschungsanlagen ausgeben. Die Voraussetzung dafür ist, dass bis dahin eine Endlagerstätte eingerichtet ist. Das Forschungsministerium hat auch schon eine im Blick.

BERLIN. Das geht aus einem Bericht des Bundesforschungsministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages hervor, der dem Handelsblatt vorliegt. Damit wären sämtliche Folgekosten der Nuklearforschung erfasst, die aus dem Rückbau diverser Anlagen entstehen. Die größten davon sind die Forschungszentren Karlsruhe und Jülich. Insgesamt entfallen rund zwei Drittel aller schwach- und mittelradioaktiven Abfälle in Deutschland auf Forschungsanlagen und medizinische Abfälle, für die mehrheitlich der Bund verantwortlich ist.

Derzeit sind im Haushalt für das laufende Jahr 220 Mill. Euro für die Beseitigung von Altlasten und Endlagerung eingestellt. Bis 2010 könnten die jährlich nötigen Summen „in der Spitze auf 300 Mill. Euro steigen“, und dann wieder sinken, heißt es. Sollte das Parlament nicht genügend Geld zur Verfügung stellen, würde das unter dem Strich zu Mehrkosten führen, warnt das Forschungsministerium die Haushaltsexperten im Parlament. Darauf habe auch der Bundesrechungshof mehrfach hingewiesen.

Voraussetzung der Kalkulation ist jedoch, dass der Bundesumweltminister den niedersächsischen Schacht Konrad als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle einrichtet, sagte Forschungsstaatssekretär Frieder Meyer-Krahmer dem Handelsblatt. „Der Bund kann Stilllegung und Endlagerung dieser Abfälle nur überzeugend betreiben, wenn die Endlagerstätte sehr zügig zur Verfügung gestellt wird – sobald die juristischen Voraussetzungen gegeben sind.“

Sollte das Bundesverwaltungsgericht Anfang 2007 die letzte Beschwerde gegen den Umbau und die Nutzung von Schacht Konrad abweisen, könnte das Kabinett das Endlager sofort auf den Weg bringen. „Theoretisch könnte es dann ab 2014 zur Verfügung stehen“, sagt Meyer-Krahmer. Anderenfalls würden die gesamten Entsorgungskosten im Zweifel höher ausfallen. Denn durch eine längere Zwischenlagerung entstünden Zusatzkosten, etwa durch vermehrte Kontrollen oder gar das Umpacken in neue Behälter.

Der Löwenanteil der Gesamtkosten von 4,8 Mrd. Euro (nach heutigen Preisen) entfällt nach dem Bericht auf die Stilllegung von rund zwölf Projekten, die 2,9 Mrd. Euro verschlingt. Allein die Stilllegung der Pilot-Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe wird derzeit auf 725 Mill. Euro geschätzt. Auf die jeweiligen Bundesländern, in denen sie Anlagen liegen, kommen zusätzliche Kosten von jeweils zwischen acht und 30 Prozent zu. Für die Endlagerung in Schacht Konrad hat das Forschungsministerium eine weitere Mrd. Euro angesetzt. An den Umbaumaßnahmen für rund 840 Mill. muss sich die Forschungsministerin mit 30 Prozent beteiligen, am späteren Betrieb, der jährlich rund 22 Mill. Euro kosten würden, zur Hälfte.

Aufgrund der Unwägbarkeiten hat das Forschungsministerium zusätzlich eine Pauschale von 20 Prozent für Kostensteigerungen veranschlagt. Der Zeithorizont des Berichts reicht bis 2035. Dann könnte auch eine Endlagerstätte für hochradioaktiven Müll bereit stehen, hofft man im Forschungsministerium.

Ein Problem für die Stilllegung und den Rückbau der Anlagen besteht im „Mangel an erfahrenen Fachleuten“, klagt Meyer-Krahmer. Im Fall des FZ Karlsruhe seien deshalb die Gutachter-Kosten bereits von früher vier auf heute bis zu acht Prozent der Gesamtkosten gestiegen. „Deshalb werden wir uns intensiv um Kompetenzerhalt bemühen“ – gemeinsam mit der Forschung, Industrie sowie dem Umwelt- und Wirtschaftsminister. Während es zwischenzeitlich keine Doktoranden auf dem Gebiet der Nuklearforschung mehr gegeben habe, sei man heute „froh, dass die Energieversorger zehn Doktorarbeiten an Forschungszentren finanzieren“.

Im günstigsten Fall könne man aus den Problemen sogar einen Exportschlager machen, hofft Meyer-Krahmer: „Wir müssen jetzt ausloten, inwieweit wir aus dringendem Lösungsbedarf bei der Entsorgung vielleicht sogar eine offensive Vorwärtsstrategie machen können.“

Konkret hat der Staatssekretär dabei vor allem die im Forschungszentrum Karlsruhe entwickelte Verglasungstechnik für flüssige hochradioaktive Abfälle im Blick. Diese sollten zur Verglasung ursprünglich nach Belgien transportiert werden. Weil dies jedoch als zu gefährlich erschien, entwickelte man vor Ort eine eigene Technik, auf die das Forschungszentrum in Karlsruhe das Patent besitzt. „Derzeit kann das weltweit niemand so gut“, sagt Meyer-Krahmer. Angesichts von rund 250 AKWs weltweit und der angelaufenen Renaissance der Technik rechnet er sich vor allem in Europa eine Chance für den Verkauf der Entsorgungstechnik aus.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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