Energieintensive Industrie fordert Entlastung
Hoher Strompreis spaltet die Wirtschaft

Unternehmen aus energieintensiven Branchen appellieren an die Bundesregierung, dem französischen Vorbild bei der Senkung der Strompreise zu folgen.

BERLIN/PARIS. Anderenfalls werde der hohe Strompreis für viele Betriebe zu einer ernsten Bedrohung. Frankreich verwirkliche eine „ausgezeichnete Idee“, sagte Werner Marnette, Vorstandschef der Kupferwerke Norddeutsche Affinerie, dem Handelsblatt.

Man müsse prüfen, ob sich ein solches Modell auch in Deutschland realisieren lasse, sagte Marnette: „Wenn wir keine Wege finden, die stromintensiven Branchen zu entlasten, wird das fatale Folgen haben. Das Strompreisniveau stellt viele Unternehmen vor existenzielle Probleme.“

Marnette war viele Jahre Vorsitzender des Energieausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Dieses Amt legte er jedoch am Freitag nieder. Dahinter steckt ein seit Monaten schwelender Konflikt zwischen energieintensiven Betrieben und den vier großen Stromerzeugern. Bei den Verbrauchern hat sich der Eindruck verfestigt, die Strompreise in Deutschland würden durch die vier Konzerne künstlich in die Höhe getrieben. Marnette hatte Eon, RWE, Vattenfall und EnBW vorgeworfen, sie hätten den deutschen Markt „quasi aufgeteilt in vier Besatzungszonen“. Es finde kein Wettbewerb statt. Zur Begründung seines Rücktritts von dem BDI-Amt erklärte er am Freitag, die Forderung der Energieversorger, er müsse sich eine größere Zurückhaltung auferlegen, „deckt sich weder mit meiner Überzeugung noch mit meinen Absichten“.

In Frankreich hatten Energieerzeuger und -verbraucher angesichts der hohen Strompreise einen Kompromiss gefunden. Unter Vermittlung des Industrieministeriums einigten sie sich Ende Juli auf ein Modell, dass großen Stromverbrauchern aus der Stahl-, Chemie-, und Papierindustrie dauerhaft günstigen Strom sichert. Die Idee: Diese Industrieunternehmen gründen Konsortien, um gemeinsam Energie bei den Versorgern wie EdF oder Electrabel einzukaufen. „Diese Konsortien beteiligen sich darüber hinaus an den Fixkosten der Stromanbieter“, erklärte ein französischer Energiemanager. Denn gerade bei Kern- oder Wasserkraftwerken seien die Fixkosten der größte Block für die Versorger.

Im Gegenzug für diese Finanzierungshilfe beliefern die französischen Stromversorger die Industriekonsortien zu Preisen unterhalb des aktuellen Marktdurchschnitts. Die Rede ist von Preisen, die unter 30 Euro je Megawattstunde liegen. Die Laufzeit dieser Verträge soll bis zu 20 Jahren gehen. „Die Industrie wird ihre Beteiligung an den Fixkosten über Bankkredite finanzieren“, sagte der französische Experte. Da die Zinsen derzeit sehr niedrig sind, geht für die Industrie die Rechnung auf: Die Unternehmen sparen durch den billigeren Strom, den sie dank ihrer Kostenbeteiligung bekommen, mehr Geld, als sie für die Bankkredite zur Finanzierung dieser Kostenbeteiligung zahlen müssen. Da bei einigen französischen Industrieunternehmen demnächst die Stromlieferverträge auslaufen, könnte das Konzept nach Einschätzung von Beobachtern noch in diesem Jahr in die Tat umgesetzt werden.

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