Energiewende: An Ostern sind 100 Prozent Ökostrom möglich

Energiewende
An Ostern sind 100 Prozent Ökostrom möglich

An Ostern könnte erstmals der gesamte Stromverbrauch Deutschlands mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Und der Ausbau geht weiter. Experten warnen: Es muss sich Grundlegendes ändern, sonst gibt es richtig Probleme.
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DüsseldorfAn den Ostertagen kommt Deutschland zur Ruhe: Die meisten Betriebe sind für vier Tage dicht, Geschäfte schließen, Schulen machen Ferien. Der deutschen Energiewende eröffnen diese freien Tage die Chance auf eine Premiere: Erstmals könnte für einen Moment der gesamte Stromverbrauch Deutschlands mit Sonnen- und Windenergie gedeckt werden. Voraussetzung: Die energieintensiven Unternehmen haben ihre Produktion heruntergefahren. Außerdem muss über Deutschland ein blauer Himmel sein und möglichst viel Wind wehen.

Ausgerechnet hat das Rainer Baake, ehemaliger Staatssekretär im Bundesumweltministerium und nun Direktor der Plattform Agora Energiewende. „Bei sonnigem und windigem Wetter kann es an Pfingsten, möglicherweise aber auch schon an Ostern zum ersten Mal in Deutschland Stunden geben, an denen rechnerisch der komplette Strombedarf durch erneuerbare Energien gedeckt wird“, sagte er im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Dieser Moment wird eine gewisse Symbolkraft haben.“

„Ein solcher Moment zeigt uns, dass eine nachhaltige Stromversorgung ohne Kohle und Atom in einem großen Industrieland wie Deutschland grundsätzlich möglich ist“, sagt Oliver Krischer, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

Auf der Webseite von Agora Energiewende – eine Initiative, die seit rund einem Jahr energiepolitische Akteure aus Politik und Wirtschaft zusammenbringt – wird die tagesaktuelle Stromerzeugung und der Verbrauch abgebildet. Vergangenen Sonntag zeigte die Kurve um 12 Uhr mittags einen Anteil von 38 Gigawatt aus erneuerbaren Energien bei einem Stromverbrauch von 56 Gigawatt. Die installierte Erzeugungskapazität, also die Stromproduktion, zu der die bereits am Netz angebundenen Anlagen im Idealfall fähig sind, liegt bei je 32 Gigawatt bei Wind- und Photovoltaik-Anlagen. Die übrigen Träger erneuerbarer Energien kommen auf insgesamt sechs Gigawatt. Im besten Fall können die Erneuerbaren also insgesamt 70 Gigawatt Strom produzieren und hätten damit bereits vergangenen Samstag locker den Strombedarf decken können.

„Unser Erzeugerpark ist absurd geworden“

Doch da gibt es noch ein Problem: Die Schwankungen der erneuerbaren Energien. Zwar können Wind- und Sonnenaufkommen inzwischen gut prognostiziert werden, jedoch geschehen immer wieder Fehler, die eine Unter- oder Überversorgung zur Folge haben.

Eine weitere Schwachstelle der erneuerbaren Energien ist deren ungleiche Verteilung in Deutschland. Während der größte Teil der Windräder in Norddeutschland steht, sind die meisten Solaranlagen in Süddeutschland montiert. Das heißt im Winter wird der meiste Strom wegen wenig Sonne und viel Wind im Norden produziert, während im Süden ohne Sonne nichts läuft. Zudem sind in Süddeutschland besonders viele konventionelle Kraftwerke vom Netz gegangen, die das Defizit ausgleichen könnten.

Die Unternehmensberatung A.T.Kearney warnt in einer Studie vom vergangenen Sommer daher, dass bis 2020 in Süddeutschland mit einer Versorgungslücke von 6 GW zu rechnen ist – „selbst dann, wenn die verfügbaren Importkapazitäten genutzt werden“.

Die Schwankungen machen auch Thomas Bareiß, Energie-Experte der CDU im Bundestag, Sorgen. „100 Prozent Erneuerbare Energien sollte bei jedem alle Alarmglocken zum klingeln bringen. Es zeigt, wie absurd unser Erzeugerpark geworden ist“, sagt Bareiß. „Wir bauen kostspielige Überkapazitäten auf und haben trotzdem in manch sonnen- und windarmen Stunden so gut wie keine Versorgung aus erneuerbaren Energien. Der Zubau muss jetzt endlich gedrosselt und dafür sinnvoll gesteuert werden.“

Auch andere warnen vor möglichen Problemen: „Die technischen Herausforderungen, die wir bei der Integration der ersten 25 Prozent erneuerbare Energien hatten, waren harmlos. Die nächsten 25 Prozent lassen sich nicht mehr in das alte Stromsystem integrieren“, warnt Agora-Chef Baake.

„Die Rendite ist bei null angelangt“

Denn es nützt auch nichts, dass die erneuerbaren Energien sich theoretisch gegenseitig bundesweit ausgleichen könnten, denn die Netze können diese Mengen an Strom nicht durch ganz Deutschland transportieren. Deshalb müssen konventionelle Kraftwerke die Differenz zur Stromnachfrage vor Ort ausgleichen. Eigentlich sind dazu Gaskraftwerke am geeignetsten, weil sie innerhalb von Minuten an- und abgeschaltet werden können. Auch die Studie von A.T. Kearney zeichnet ein klares Bild. „Um die Kapazitätslücke insbesondere im süddeutschen Raum zu schließen, führt am Ausbau von Gaskraftwerkskapazitäten kein Weg vorbei“, sagt Kurt Oswald, Leiter der Studie.

Doch die rentieren sich nicht mehr. Einer, der das dieser Tage besonders spürt und bei jeder Gelegenheit über das Problem spricht, ist Johannes Teyssen. „Die Lage der umweltfreundlichen Gaskraftwerke ist dramatisch. Die Rendite ist bei null angelangt“ sagte der Chef von Eon, einer der größten deutschen Energieversorger bei der Handelsblatt-Energietagung im Januar.

Es ist schon etwas ironisch: Die erneuerbaren Energien sorgen dafür, dass die umweltfreundlichsten und flexibelsten Kraftwerke abgeschaltet werden, jene Kraftwerke, die den erneuerbaren Energien auf ihrem Erfolgsweg helfen könnten. Viele Experten machen die derzeitige Ausgestaltung des Strommarktes für die Misere verantwortlich. Dadurch, dass die Energieerzeuger nur für ihren verkauften Strom bezahlt werden, lassen sie zunächst ihre billigsten Kraftwerke laufen und das sind die Kohlekraftwerke.

Viele fordern daher, auch die grundsätzliche Bereitstellung von Stromerzeugungskapazitäten zu entlohnen. So plädiert etwa Eon-Chef Teyssen für eine Entlohnung der „Leistung“ statt der „Arbeit“. Kraftwerksbetreiber sollten auch dann entlohnt werden, wenn sie die Leistung nur vorhalten, sie aber wegen des Vorrangs von erneuerbaren Energien nicht verkaufen, wie es derzeit häufig bei Gaskraftwerken der Fall ist.

„Brauchen Kapazitätsmärkte für Versorgungssicherheit“

Andere fordern gleich ein neues Marktdesign. „Wir brauchen Kapazitätsmärkte, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten“, sagt Oliver Krischer von den Grünen. Schon vor einem Jahr habe die grüne Bundestagsfraktion dazu ein Konzept vorgelegt. „Der alte Strommarkt, der sich ausschließlich über erzeugte Kilowattstunden finanziert, setzt keine Anreize für neue Kapazitäten.“

Auch Agora-Chef Baake sieht darin eine Lösung. „Zur Vermeidung von Blackout-Gefahren in Zeiten der Höchstlast brauchen wir zukünftig einen Markt für Versorgungssicherheit. Dort wird die Vorhaltung von Kapazitäten gehandelt – durch Kraftwerke, verschiebbare Lasten und Speicher.“

In den USA, Australien und Brasilien gibt es laut einer Studie der Nichtregierungsorganisation Germanwatch bereits solche wettbewerblichen Kapazitätsbörsen und in Spanien, Irland und Chile zumindest vorgeschriebene Kapazitätszahlungen.

Die derzeitige Regierung aus CDU und FDP hält jedoch nichts von solchen Kapazitätsmärkten. Sie befürchtet, dass der Strompreis steigt, sollte ein solcher Markt implementiert werden. Eine Sorge, die auch die Studie von A.T. Kearney bestätigt. „Die Einführung eines wettbewerblichen Kapazitätsmarktes hätte auch direkte Auswirkungen auf den Strompreis. Durchschnittlich könnte dies zusätzlich 0,6 Cent pro Kilowattstunde ausmachen“, sagt Studienleiter Oswald. Zudem brauche die Einführung eines solchen Marktes mindestens zwei bis drei Jahre.

Kommentare zu " Energiewende: An Ostern sind 100 Prozent Ökostrom möglich"

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  • @ lef
    das ist leider auch nicht richtig. Das Fraunhofer Institut beschreibt den Energiebedarf zur Produktion von PV-Anlagen so:

    10. Verschlingt die Produktion von PV-Modulen viel Energie?
    Nein.
    Die Energierücklaufzeit für Solaranlagen hängt von Technologie und Anlagenstandort ab. Sie beträgt bei 1055 kWh/m2 globaler horizontaler Jahreseinstrahlung (mittlerer Wert für Deutschland) ca. 2 Jahre [EPIA]. Die Lebensdauer von Solarmodulen liegt im Bereich von 20-30 Jahren. Das heißt, dass eine heute hergestellte Solaranlage während ihrer Lebensdauer mindestens 10-mal mehr Energie erzeugt als zu ihrer Herstellung benötigt wurde. Dieser Wert wird sich in der Zukunft durch energieoptimierte Herstellungsverfahren noch verbessern.

    Den Bericht gibt es hier:
    http://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/veroeffentlichungen-pdf-dateien/studien-und-konzeptpapiere/aktuelle-fakten-zur-photovoltaik-in-deutschland.pdf

  • Schöner Traum,
    aber leider unsinnig. Denn zu Herstellung der EE-Anlagen wird immens viel Energie gebraucht. Das kann ganz leicht aus den Gesamtkosten eruiert werden - aber dazu müsste man etwas Ahnung von Betriebswirtschaft haben.
    Dass die gesammte EE ein auch energetisches Zuschussgeschäft ist (sprich: Energieverschwendung!) ist schon daran erkennbar, dass jede EE subventioniert bzw. gefördert werden muss.

  • Hallo Vandale,
    ich meine wenn Alle immer wie Sie gedacht hätten in der Geschichte der Menschheit würden wir noch im Lendenschurz bekleidet auf den Bäumen rumhüpfen. Was machen Sie denn wenn alle von Ihnen genannten fossilen Energieträger verfeuert sind? ...ist ja noch sooooooooooo lange hin, da brauchen wir uns doch jetzt keinen Kopf machen.

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