Engagement
Wo nicht mehr gejammert wird

In Zeiten leerer Kassen machen sich die Bürger an die Arbeit und helfen sich selbst. Mehr als 20 Millionen Menschen setzen sich freiwillig für ihre Stadt ein – das neue Engagement am Beispiel Lichtenaus in Ostwestfalen.

LICHTENAU. „Zu teuer. Wir müssen das Freibad schließen.“ Christel Bauer hört die schlechte Nachricht in der bis auf den letzten Platz gefüllten Bürgerversammlung. Die größte Freizeitattraktion in dem 12 000-Einwohner-Ort Lichtenau in der Nähe von Paderborn soll schließen. „Eine Katastrophe, nicht nur für Kinder“, sagt die 46-jährige Lehrerin. „Viele Erwachsene gingen genauso gerne hin.“

Katastrophen wie diese sind eigentlich keine mehr – sie sind Alltag in deutschen Städten und Gemein-den. Auch in Lichtenau überrascht nichts beim Blick in die Kasse der Stadt: 19,4 Millionen Euro Schulden, 1 725 Euro pro Kopf. Das ist Durchschnitt in NRW, solche Summen beeindrucken keinen mehr. Die Bürger haben sich an leere Kassen gewöhnt.

Die Schließung ihres Freibades aber, von der sie vor gut drei Jahren erfuhren, die wollen die Lichtenauer dann doch nicht hinnehmen. Sie gründen einen Verein, sanieren das Bad in Eigenregie und betreiben es heute selbst. Eine gute Erfahrung für alle Beteiligten, sagen die Organisatoren heute. Viele Lichtenauer opferten ihren Urlaub für das Projekt. „Das waren mehr als 13 000 freiwillige Stunden, die wir in die Sanierung des Bads gesteckt haben. Dafür hätten wir 200 000 Euro zahlen müssen“, hat Christel Bauer ausgerechnet.

Das Bürgerengagement funktioniert in Lichtenau – und nicht nur dort. Mehr als 20 Millionen Bürger setzen sich freiwillig für ihre Stadt ein. Die Menschen sind willkommene Nothelfer in allen Bereichen, aus denen sich Staat und Kommunen aus finanziellen Gründen zurückziehen müssen. Und eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht – selbst wenn der Bundeshaushalt, über den der Bundesrat heute berät, leicht höhere Ausgaben vorsieht als geplant. Die Bürger spannen daher ein Selbsthilfenetz – unterhalb des Sozialstaats.

In Augsburg geben ältere Menschen ihr Know-how an junge Menschen weiter, organisieren Sprachkurse für ausländische Kinder. In Borken können Eltern Vorträge und Veranstaltungen besuchen, wo sie Erziehungstipps bekommen. Kinder können sich zu „Streitschlichtern“ ausbilden lassen. In Hanau erfand man „Zeitbrücken, Zeitfenster und Zeitinseln“, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern. In Wiesbaden gehen „Wunschopas oder -omas“ mit Kindern in den Zoo, lesen vor oder backen mit ihnen. In Felsberg bekommen ältere Menschen einen Haushaltsservice und „Essen auf Rädern“, von anderen Felsbergern organisiert. Ersparnis für den Felsberger Haushalt: 250 000 Euro jährlich.

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