Entsorger können Abfallmengen bald nicht mehr bewältigen
Auf der Kippe

Der deutsche Müllmarkt steckt in einem tiefen Umbruch: Zum 1. Juni werden die Abfalldeponien weitgehend dicht gemacht. Betreiber von Verbrennungsanlagen rechnen mit neuen Aufträgen. Immer neue Verordnungen verunsichern jedoch die Entsorger.

DÜSSELDORF. Am 1. Juni werden die Karten auf dem deutschen Müllmarkt komplett neu gemischt: Die Betreiber von Verbrennungsanlagen, vor allem große Entsorger, können mit zusätzlich Aufträgen und drastisch steigenden Renditen rechnen. Die Anlagen werden bald an ihre Grenzen stoßen. Im Gegenzug dürften kleine Entsorger, die bislang ihre Abfallcontainer auf Deponien entleerten, in Bedrängnis geraten. „Wer nicht in eigene Anlagen investiert hat, wird Probleme bekommen“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE), Rainer Cosson.

Auslöser ist eine neue Verordnung mit der unscheinbaren Bezeichnung „Technische Anleitung Siedlungsabfall“ – kurz Tasi. Vom 1. Juni an dürfen Abfälle nicht mehr unbehandelt auf Deponien gelagert werden, sondern müssen beispielsweise verbrannt werden. Das soll den Umweltschutz erhöhen, da Deponien klimaschädliche Gase frei setzen, wenn organische Abfälle verrotten. Gleichzeitig können sie das Grundwasser belasten, wenn Regenwasser Schadstoffe – beispielsweise aus Batterien – ausspült.

Bereits in den vergangenen Jahren hat die Tasi den Müllmarkt drastisch beeinflusst, aber anders als vom Gesetzgeber bezweckt: Die Betreiber von Deponien, die ursprünglich mit Betriebsdauern von bis zu 50 Jahren kalkuliert hatten, versuchten, mit Billigpreisen ihre Lagerstätten aufzufüllen, ehe die neue Verordnung greift. Mit Kampfpreisen um zuletzt 30 Euro je Tonne sogen sie große Mengen Gewerbemüll auf. „Bevor sie dicht machen, gibt es dort noch einmal eine Happy Hour“, sagt Rainer Cosson.

Die Betreiber von Müllverbrennungsanlagen kamen dagegen in Bedrängnis. Zwar wurden sie mit Hausmüll beschickt. Im Wettbewerb um Gewerbemüll mussten sich die Betreiber bei Preisen von rund 100 Euro je Tonne aber im Ausland umschauen, um die Kapazitäten mehr schlecht als recht auszulasten. Ohne die 1,7 Mill. Tonnen Abfall, die jährlich aus den Niederlanden importiert werden, wären beispielsweise die 16 nordrhein-westfälischen Anlagen derzeit nur zu zwei Drittel ausgelastet.

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