Entvölkerung
Deutschlands Osten – ein demografisches Notstandsgebiet

Die Entvölkerung ostdeutscher Regionen setzt sich in einem dramatischen Tempo fort. Laut einer aktuellen Studie werden innerhalb der nächsten zehn Jahre einige Landkreise mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verlieren. Die Wissenschaftler sind überzeugt: Keines der Ost-Länder würde die Kriterien für eine Aufnahme in die Europäische Union schaffen.

HB BERLIN. Innerhalb der nächsten zehn Jahre würden einige Landkreise etwa in Sachsen-Anhalt oder Thüringen mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verlieren, heißt es in einer am Donnerstag vorgestellten Studie des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Die Bevölkerung der Ost-Länder könnte demnach bis 2030 um fast ein Drittel schrumpfen, während wirtschaftsstarke und vom Wohnwert attraktive Regionen wie Oberbayern oder Freiburg weiter wachsen. Trotz der Milliarden-Subventionen seit der deutschen Wiedervereinigung kommen die ostdeutschen Länder der Untersuchung zufolge auch ökonomisch nur schleppend voran: Keines der Ost-Länder würde die Kriterien für eine Aufnahme in die Europäische Union schaffen, so die Wissenschaftler. Vor allem fehle es an einer funktionierenden Marktwirtschaft, die dem Wettbewerbsdruck innerhalb der EU ohne Fördermittel standhalten könne. Als schwächste Region in Deutschland landete Sachsen-Anhalt auf Platz 241 der insgesamt 285 nach Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftskraft und Zusammensetzung der Altersstruktur untersuchten Regionen.

Deutschland habe seine historische Spaltung demografisch noch lange nicht überwunden, kritisierte der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz. Auch Subventionen in Milliardenhöhe hätten den Abwanderungstrend in die Städte nicht aufhalten können. Klingholz plädierte dafür, nicht um jeden Preis ein Ausbluten strukturschwacher Gebiete zu verhindern: "Es ist kein Drama, wenn sich bestimmte Regionen entleeren", erklärte er. So würden etwa auch in Deutschland für den Klimaschutz leere Räume benötigt, "ohne dass Förster und Naturschützer sich groß kümmern. Wir brauchen neue Naturräume als Freiräume und das kann man ja gleichzeitig nutzen." Das Berliner Institut lobte die skandinavischen Staaten als Vorbild im Umgang mit dem demografischen Wandel. Vor allem Schweden gebe Antworten auf die niedrigen Geburtenzahlen und Abwanderungsprobleme. In der Studie gelten die Regionen Nordeuropas dank ihrer Wirtschaftsentwicklung, eines hohen Bildungsstands und einer starken Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen sowie vergleichsweise hohen Geburtenraten als besonders zukunftsfähig. An der Spitze steht das kleine, aber hoch entwickelte Nicht-EU-Mitglied Island. Seine innovative Familien- und Integrationspolitik seien beispielhaft, den Herausforderungen des demografischen Wandels zu begegnen, heißt es in der Studie. Demnach werden wenig Nachwuchs, alternde Bevölkerungen und eine zunehmende Migration Europa in den nächsten Jahrzehnten nachhaltig verändern. Bereits heute verzeichnen acht der 27- EU-Mitgliedstaaten schrumpfende Einwohnerzahlen. Bis zum Jahr 2050 würden es 17 sein - allen voran Deutschland, erklärte das Institut.

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