Entwicklungspolitik
Wie Deutschland an den Armen verdient

Der Bundestag beschließt den Etat für Entwicklungshilfe für 2013. Das Geld reiche nicht, sagt ein Experte. Denn die Mittel würden längst nicht mehr nur zur Bekämpfung der Armut genutzt – sondern zur Handelsförderung.
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Düsseldorf6,3 Milliarden Euro, um die Armut zu bekämpfen. Um hungernde Kindern zu ernähren, um Kranke zu behandeln, um Menschen Zugang zu Wasser zu ermöglichen. 6,3 Milliarden Euro – das ist das Budget des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für 2012. Gestern wurde der Etat für 2013 im Bundestag verhandelt. Erst gab es Streit um Kürzungen. Dann einigten sich die Abgeordneten auf den Etat von wiederrum 6,3 Milliarden Euro. Mittel, die den Ärmsten zu Gute kommen sollen. Doch das stimmt nicht so ganz. Denn ein Teil der Entwicklungshilfe fließt direkt in die deutsche Wirtschaft.

„Entwicklungshilfe geht mit Export einher“, sagt Axel Dreher, Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik an der Uni Heidelberg. Das bedeutet: Durchschnittlich geht mehr Geld aus dem deutschen Topf der Entwicklungshilfe an Länder, die mehr deutsche Güter importieren. Dahinter steht der Gedanke, dass sich Entwicklungshilfe für die Geberländer lohnen soll. Das machte Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel schon bei seinem Amtsantritt klar.

„Das ist nicht per se schlecht“, sagt Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Welthungerhilfe. Ein negativer Effekt sei jedoch, dass deshalb prinzipiell vor allem „good performer“, also Länder mit wirtschaftlich guten Aussichten eine Chance auf Kredite hätten. Das kritisiert auch der heute vorgestellte Bericht von Welthungerhilfe und Terre des Hommes.

Auch Mischfinanzierung, also die Koppelung von Geldern des BMZ und der KFW-Bank, so Jamann, sei ein Mittel, das immer mehr zunehme, das aber vor ebenfalls allem Schwellenländern zu Gute komme. Die ärmsten Länder würden dabei mehr und mehr vergessen. Ein stagnierendes Entwicklungshilfebudget tue das Übrige.

„Auf der Liste der Länder, die von Deutschland gefördert werden, sind viele Länder, die aus politischen Gründen Geld bekommen“, sagt Jamann. Afghanistan sei der größte Hilfsempfänger, ein weiter ist der Jemen. „Und doch gibt es eben auch eine Reihe von Ländern, die aus rein wirtschaftlichen Interessen gefördert werden. Zum Beispiel Namibia oder Indien.“

Gerade Indien sei ein komplexes Beispiel, sagt Jamann. „Indien ist ein sogenannter Boom-Staat“, ein Schwellenland, in dem die Schere zwischen Arm und Reich extrem auseinanderklaffe. „Der Technologieaustausch, von dem die deutsche Wirtschaft direkt profitiert, funktioniert sicherlich sehr gut“, sagt Jamann. Aber man müsse ganz genau hinschauen, wem die Investitionen aus dem Entwicklungshilfeetat zu Gute kämen. Bestimmte Bevölkerungsgruppen würden hinten überfallen. Dort sei die Armut umso größer und sie könne eben nicht mit Hilfe eines guten Investitionsplanes beseitigt werden.

Kommentare zu " Entwicklungspolitik: Wie Deutschland an den Armen verdient"

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  • G.N.
    Genau das sage ich auch
    Denn nur Entwicklungshilfe sit eben zum Teil auch kontraproduktiv.
    Diese ganze Entwicklungshilfe gehört auf den Prüfstand

  • Also das ist dann wohl seiner Meinung nach "schlechte Entwicklungshilfe"...

    Natürlich haben Sie Recht, aber es wäre dennoch besser Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.
    Nicht wir schicken den Armen Schuhe, sondern die Mittel seibst Schuhe herzustellen. Von der Ausbild eines Schusters angefangen bis hin zur kleinen Werkstatt.

    Nicht wir liefern unsere abgetragenen "Altkleider" in die dritte Welt und zerstören damit dort heimische kleine Unternehmen, weil die Altkleider aus Deutschland viel billiger sind, sondern wir schicken unser Know-How dort hin, damit z.B. kleine Händler und Schneidereien enstehen oder weiterhin unterhalten werden können, ect.

  • mondahu war jahrelang beruflich in Asien tätig und hat da versucht mit Weltbankgeldern Nützliches zu schaffen. Seitdem weiß er, daß direkte Armenhilfe nur die Daueralimentierung erweitert. Katastrophenhilfe ist da ausdrücklich ausgenommen, aber bei Hungerhilfe wird es schon problematisch. Denn gratis verteilte Lebensmittel führen nur dazu, daß sich die lokalen Produzenten (Bauern) auf Subsistenzwirtschaft beschränken, da man ihnen die Preise verdirbt. Hier hilft nur, beim Erzeuger anzusetzen, um ihm ordentliche Ernten zu ermöglichen (Wasser erschließen, Düngung organisieren, Erntetechnik und Lagerung verbessern), für die er dann auch ordentliche Preise erzielt, um weiterwirtschaften zu können. Das ist angesichts der oft verwirrenden Sozialstrukturen und Gebräuche hartes Brot für Entwicklungshelfer, aber wenigstens ein nachhaltiger Ansatz.
    Wenn aber hier die Kommentatoren darauf anspielen sollten, daß deutsche Entwicklungshilfe nicht in der Fläche ankommt, sondern daß davon womöglich Waffen und Nobelkarossen beschafft werden, hilft nur den Hahn sofort zuzudrehen, politische Rücksichten hin oder her. Man kann ja solches Spielzeug verschenken, aber nicht unter dem Haushaltstitel "E-Hilfe", und auch gleich den Staatsanwalt verständigen.

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