"Er soll seinen Laden aufräumen"
Schröder-Rat an IG Metall löst Empörung aus

Die Führungskrise der IG Metall hat nun auch zum Streit zwischen Gewerkschaftsfunktionären und Bundeskanzler Schröder geführt. Gewerkschafter verbaten sich eine Einmischung und gingen in die Offensive.

Reuters FRANKFURT/HANNOVER. Schröder mahnte am Freitag in einer Tageszeitung ein schnelles Ende der Querelen an, erklärte aber zugleich, hinter dem Streit über Personen steckten nach seiner Einschätzung strukturelle Probleme.

Zudem empfahl er der IG Metall eine maßvollere Tarifpolitik, etwa wie bei der Chemiegewerkschaft IG BCE. Einer der möglichen Kandidaten für die neue Spitze der IG Metall, der Hamburger Bezirkschef Frank Teichmüller, wies dies scharf zurück. Er sei dagegen, „dass nun jeder Hans und Franz, auch wenn er der Bundeskanzler ist, glaubt, dass er uns Ratschläge geben soll“, sagte Teichmüller.

Die IG Metall hatte sich nicht auf personelle Konsequenzen aus der Streikniederlage in Ostdeutschland einigen können. Der umstrittene Kandidat für den Vorsitz und bisherige Vize Jürgen Peters hatte einen Rücktritt strikt abgelehnt. Der zunächst als neuer Stellvertreter vorgesehene Bezirksleiter aus Baden-Württemberg, der Reform orientierte Berthold Huber, hatte daraufhin auf jegliches Vorstandsamt verzichtet. Die Krise wird verschärft durch einen dramatischen Mitgliederschwund in diesem Jahr, der in einzelnen Regionen durch die Verärgerung über den Streik und den anschließenden internen Streit zunimmt.

Schröder spricht von Strukturproblemen

Schröder sagte über den Führungsstreit der IG Metall: „Nach meinem Eindruck ist es nur an der Oberfläche ein persönlicher Konflikt.“ Dahinter stünden Strukturfragen, die schnell beantwortet werden müssten. „Wir brauchen Gewerkschaften, die einen Kompromiss mit den Arbeitgebern erreichen können“, fügte der Kanzler hinzu. Schröder, der in der Vergangenheit mehrfach auf Distanz zum IG-Metall-Vize Peters gegangen war, riet der IG Metall, sich an der reformfreudigen Chemiegewerkschaft IG BCE zu orientieren, die für eher maßvolle Lohnabschlüsse steht.

Teichmüller wies Schröders Kritik zurück: „Uns wäre sehr daran gelegen, dass er seinen Laden aufräumt. Wir werden das selbe bei uns tun müssen. Es hilft weder dem Einen noch dem Anderen, wenn man mit klugen Ratschlägen kommt.“ Es habe eine Auseinandersetzung im Vorstand der IG Metall gegeben, die Patt ausgegangen sei. „Damit müssen wir leben“, sagte er in der ARD. Der IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt forderte Zurückhaltung von Außenstehenden. „Der Konflikt der IG Metall ist Sache der IG Metall“, sagte er der „Berliner Zeitung“.

„Vertreter der Arbeitgeberverbände und auch Politiker verschiedener Couleur sollten sich an die eigene Nase fassen, ehe sie sich über die Probleme demokratischer Großorganisationen Gedanken machen.“ Dies gelte auch für die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Ursula Engelen-Kefer, die vor einer Lähmung der Gewerkschaften gewarnt hatte.

Keine Pläne für Sonder-Gewerkschaftstag

In der IG Metall waren trotz erster Forderungen aus den Bezirken noch keine Schritte für einen außerordentlichen Gewerkschaftstag zur Lösung der Krise absehbar. „Bis jetzt gibt es punktuell diese Forderung aus einzelnen Verwaltungsstellen und auch Betrieben. Aber es gibt auch andere Stimmen“, sagte eine Gewerkschaftssprecherin in Frankfurt.

Funktionäre aus Baden-Württemberg und Bayern hatten am Donnerstag auf einen baldigen Sonder-Gewerkschaftstag gedrungen, auf dem über die künftige Führung der IG Metall entschieden werden solle. Es könne aber eine Situation eintreten, in der der Vorstand handeln und vor seiner am 1. September geplanten Sitzung zusammenkommen müsse. „Das kann fix gehen. Da sind wir schon flexibel.“

Ein Sprecher des Peters-nahen Bezirks Niedersachsen sagte, ein Sonder-Gewerkschaftstag mache nur Sinn, wenn es nach dem Verzicht Hubers einen neuen Personalvorschlag des Vorstandes gebe. Huber sagte eine für Freitag geplante Pressekonferenz kurzfristig ab, um mit Funktionären seines Bezirks zu beraten.

In Gewerkschaftskreisen wird davon ausgegangen, dass in Hubers Umfeld versucht wird, einen Vorschlag für eine neue Führungsspitze ohne Peters zu präsentieren, der dennoch beide derzeit verfeindeten Strömungen berücksichtigt. Peters sucht ebenfalls nach einem neuen Partner aus dem Lager der Reformer. Als Gegenkandidat zu Peters hatte sich bislang Teichmüller bereit erklärt, der aber ein jüngeres Team bevorzugen würde. Es gilt als sicher, dass Teichmüller ein von Huber präsentiertes Tandem stützen würde.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%